Sowas wie Liebe · Versuche

Einsamkeit.


Allein saß sie in ihrem Zimmer. Auf dem Bett. Es war noch früh am Morgen, die ersten Vögel zwitscherten und Sonnenstrahlen lugten zwischen den Jalousien hervor. Den Kopf auf die Hände gestützt sah sie sich in ihrem Zimmer um. Das Bett war zerwühlt, sie hatte versucht zu schlafen, aber es war ihr nicht wirklich gelungen. Nachdenklich strich sie ihr langes Haar, das immer wieder in ihr Gesicht fiel zurück. Es bedrückte sie, dass sie seit einem Monat nichts mehr von ihm gehört hatte. Nichts. Kein Anruf, keine E-Mail, kein Brief. Nicht einmal eine kurze SMS. Nein, seitdem er sagte, er müsse weg, hatte sie kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten. Sie hatte ihm  nicht mal zugehört warum er wegmusste. Es lag auf der Hand, das sie Schuld war, dass er sie nicht mehr liebte, dass sie es vermasselt hatte, wie immer.

Sie legte sich in ihr Bett, rollte sich zu einer kleinen Kugel zusammen und schloss die Augen. Für einen kurzen Moment war es wie früher. Sie standen gemeinsam unter dem Kirschbaum, er streichelte liebevoll ihr Haar aus dem Gesicht. Oh, wie er ihre Haare geliebt hat. Oder immernoch liebt? Und dann der erste Kuss. Er war so vorsichtig, so fürsorglich, als ob er Angst hätte, sie würde zerbrechen. Wie er einmal nachts vor ihrem Fenster stand, sie hinausgehoben hat. Hand in Hand waren sie zum See gerannt. Der Mond tauchte die Stille in ein helles Licht. „Komm, lass uns baden gehen!“, rief er vergnügt und zog sich bereits seine Hose aus. Und dann gingen sie, nur mit Unterwäsche bekleidet im See baden. Und sie küssten sich über Wasser und unter Wasser und es schien ihr alles wie im Traum. Danach lagen sie am Strand, nackt, und eng umschlungen, um sich wieder aufzuwärmen. Und er flüsterte ihr ins Ohr, so dass es kitzelte, wie wunderschön sie sei und wie sehr er sie liebe. Und wie sie im Frühling auf der Blumenwiese gepicknickt hatten. Niemand hatte sie im hohen Gras entdeckt. Und er hat ihr einen Blumenkranz geflochten und auf die Haare gesetzt und gesagt, sie wäre sein Engel. Und er hatte sie mit Erdbeeren gefüttert und obwohl sie sonst kaum etwas aß, hatte er sie überredet, einen Riegel Schokolade zu essen.

Sie weinte. Nur mit ihm fühlte sie sich leicht, egal wieviel sie aß. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht und malten wilde Muster auf das Bettlaken. Wieso sagte er, er brauche Abstand? Wieso ließ er sie allein, wo sie ihn doch so dringend brauchte. All die Liebesschwüre, die er ihr ins Ohr geflüstert hatte, alles Unsinn? Das konnte nicht sein. Er hatte sie am Leben erhalten. Und diese klitzekleine Hoffnung, dass er vielleicht doch zu ihr wiederkommen würde war ihr Lichtblick gewesen. Immer und immer wieder hatte sie in den letzten Wochen auf ihr Handy gesehen, hatte die Post aus dem Briefkasten geholt, hatte ihre E-Mails geprüft und hatte Nachts am Fenster gestanden, in der Hoffnung, er würde wiederkommen. Immer wieder hatte sie geweint, gehofft, ja sogar gebetet er möge doch ein Zeichen von sich geben. Sie richtete sich auf, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Ohne ihn wollte sie nicht und konnte sie auch nicht leben. Mit zittrigen Händen tastete sie unter ihrem Bett nach der Schachtel. Hob sie hoch. Schon lange hatte sie diese nicht mehr hervorgeholt . Vorsichtig öffnete sie den Deckel. Sie atmete tief durch, nahm die Klinge aus der Schachtel. Sie schloss die Augen und setze die scharfe Seite an ihr Handgelenk. „Warum“, dachte sie, „warum hast du mich belogen? Warum hast du mich allein gelassen? Warum habe ich dir vertraut?“ Ihre Finger zitterten. Die Tränen liefen ihr wieder über ihr Gesicht, die Augen hielt sie geschlossen.

Sie merkte nicht, dass ihre Zimmertür geöffnet wurde. Sie bemerkte nicht, dass sich jemand neben sie setzte. Aber sie merkte, dass ihr jemand die Klinge aus der Hand nahm. Und sie merkte, wie ihr jemand die Tränen aus dem Gesicht wischte. Und sie merkte, wie sie jemand in den Arm nahm, sie streichelte und ihr beruhigende Worte zuflüsterte. Und als sie die Augen öffnete, da sah sie ihn. Seine Augen sahen traurig zu ihr auf. „Wieso wolltest du das tun?“, flüsterte er. Ihre Stimme war gebrochen, kaum zu hören. „Weil du mich verlassen hast.“ „Aber ich hab dich nicht verlassen. Jede Sekunde war ich bei dir in meinem Herzen, jede Sekunde waren meine Gedanken bei dir!“ „Warum bist du dann gegangen?“, wisperte sie. „Das habe ich dir doch gesagt“, antwortete er. „Meine Großmutter war schwer krank, ihr größter Wunsch war es, uns um sich zu haben in ihren letzten Tagen.“ Sie sah ihn an. „Du bist nicht wegen mir gegangen?“ „Nein, wie könnte ich?“ Er umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen. „Hast du denn alles vergessen, was ich dir gesagt habe? Wie könnte ich dich da verlassen? Ich liebe dich doch!“ Sie begann zu weinen. Aber diesmal vor Glück.

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4 Kommentare zu „Einsamkeit.

      1. Ja.. In Wirklichkeit würde ihr wahrscheinlich niemand die Klinge aus der Hand nehmen und er würde auch nicht neben ihr sitzen und alles aufklären. Er würde sie alleine lassen und irgendwann eine Neue haben.

  1. JaJa. Ihr habt ja ein nettes denken über uns Jungs :)

    Naja du weißt ja das mich die Geschichte runtergezogen hat, ich sie aber trotzdem super-schön geschrieben finde!

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