Sowas wie Leben

Boiensdorf


Als ich mich für den Bio-Leistungskurs in der Schule entschieden habe, wusste ich, was auf mich zukommt. Nicht nur die ganze Lernerei und Schufterei. Nein, auch die fünftägige Kursfahrt, die am Ende des Schuljahres auf mich wartet.

Boiensdorf ist ein nettes Örtchen an der nordwestlichen Küste Mecklenburg-Vorpommerns. Wir sind von meiner Schule aus über Rostock mit der Deutschen Bahn hingereist. Wir hatten alle keine Lust, waren unmotiviert und wollten die fünf Tage lieber, wie unsere Jahrgangskameraden, in Rom oder Barcelona verbringen. Aber das Jammern nutzte alles nichts. Wir kamen an, am Busen der Natur. Wir waren die einzigen Gäste dort, natürlich. Der Heimleiter (oder wie auch immer man diesen miesepetrigen, unfreundlichen alten Kauz auch nennen mag) hieß Doktor Walther und wir dachten uns so allerlei liebenswürdige Spitznamen für ihn aus. Nach kurzer Inspizierung unserer Zimmer, meine beste Freundin und ich hatten uns zufälligerweise das größte und schönste Zweierzimmer geschnappt, erkundeten wir unser Arbeitsgebiet. Steilküste. Salzwiese. Düne. Blasentang. Vögel. Seegras. Eins langweiliger als das andere. Und falls ich es noch nicht erwähnt habe – ich ekel mich zutiefst vor Fischen und Wassertierchen. Doch das half alles nichts. Wir mussten uns unsere Gruppen auswählen. Mit meiner besten Freundin und zwei Losern aus unserem Kurs durften wir Lebensraum Blasentang untersuchen. Ich schwebte auf Wolke 7.

Am nächsten Tag ging es dann so richtig los. Doktor Walther zeigte uns noch einmal auf unfreundlichste Art und Weise, wie wir denn vorzugehen hätten. Unsere Aufgabe war nicht schwer. Mit Keschern und zwei Eimern bewaffnet zogen wir los, um ordentlich im Blasentang rumzuwühlen. Damit haben wir dann natürlich die ganzen kleinen Tierchen erschreckt, die wir eingekeschert und in einen Eimer geschmissen haben. Mit den blöden, schweren Eimern mussten wir dann Tausend Kilometer zurückwandern. Am Arbeitsplatz mussten wir die gesammelten Viecher fotografieren und miskroskopieren und dann auch noch bestimmen. So richtig-mit Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art und so. Diese Arbeit beschäftigte uns bis Mittwochabend. Zwischendrin gab es natürlich auch Essen, was, verzeiht, echt scheiße und eklig geschmeckt hat. Obst, Gemüse und Abwechslung sind dort anscheinend Fremdwörter. Frisch gestärkt (HAHA) durften wir Donnerstag dann an die Arbeit gehen und unsere Präsentation vorbereiten. Es war langweilig, mühselig, wir mussten eine Artenliste vom niederen zum höheren Tier erstellen, außerdem eine Power Point usw. Nachmittags durften wir diese dann präsentieren, während Doktor Walther die ganze Zeit schnaufend auf seinem Stuhl hin und hergerutscht ist und an allem was auszusetzen hatte.

Freitag traten wir dann endlich die lang ersehnte Heimreise an. Aber nicht ohne Komplikationen, nein. Dank irgendwelcher spontanen Bauarbeiten an einem Gleis, durften wir mit dem Schienenersatzverkehr durch die Örtchen tuckern und Tausend Stunden auf unsere Anschlussbahn warten. Aber ich will mich ja nicht beschweren, wir kennen die Deutsche Bahn ja alle zu Genüge.

Fazit: Das war die mit Abstand langweiligste Kursfahrt, die ich je erlebt habe. Wir durften Vormittags und Nachmittags ausschließlich arbeiten, die Abende waren nie gemeinschaftlich, jeder hockte in seinem Zimmer. Das Essen war fürchterlich, die Leute dort unfreundlich und ungeduldig und das Wetter wechselte minütlich. Das einzigst positive ist wohl, dass ich mir sehr gute Noten abgeholt habe, die aber leider nichts mehr an meiner Zeugnisnote ändern, somit also auch umsonst sind. Ich würde euch das kleine Kaff Boiensdorf jedenfalls nicht ans Herz legen, es sei denn, man möchte vor Langerweile sterben.

Advertisements

2 Kommentare zu „Boiensdorf

  1. Ich war auf mehreren Kursfahrten (Prag, Rom, London) und habe mir nichts interessanter vorgestellt als eine mit einer naturwissenschaftlichen Exkursion. Aber wenn alle Umstände s….* sind, dann machts natürlich keinen Spaß. Mein Gott Walt(h)er, die Naturwissenschaftler brauchen sich wirklich nicht über den Nachwuchsmangel wundern.
    LG und erhol Dich gut, ich hab jetzt noch nen Monat Schule…
    Charly

    * s… = suboptimal

  2. Hahah was soll man großartiges dazu sagen. Boiensdorf ist ein Sache für sich und so soll es auch bleiben ;)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s