Sowas wie Leben · Versuche

Albtraum


Sie war noch wach. Saß auf ihrem Fensterbrett. Unendliche Male hatte sie versucht die Sterne zu zählen. Die Sterne, die so hell leuchteten, auf einem Himmel, der wie ein dunkles, schweres Samttuch über die Welt gelegt war, um sie vor dem Bösen zu bewahren. Es war unmöglich. Kleine, leuchtende Spritzer auf der Samtdecke. Überall. Tausende und noch viel mehr. Eine leichte Brise wehte durch ihr Haar und durch den Kirschbaum, der direkt neben ihrem Fenster stand. Der Kirschbaum sang nachts Lieder. Er wiegte sich dazu hin und her, knächzte und knirschte und seine Blätter sangen leise vom Leben und von der Liebe. Nur sie konnte hören, was der Baum für sie sang, nur sie lauschte dem leisen Rauschen. Sie schloss die Augen, versank in der Melodie. Summte leise mit. Und träumte.

Sie träumte von einem Schloss, hoch oben auf den Wolken. Alles war weiß und strahlend, der Himmel war wie frisch gestrichen. Sie sah überrascht an sich hinab. Sie war in ein weißes Kleid gehüllt, das so wunderschön aussah, dass sie den Anblick kaum ertragen konnte. Und sie fühlte sich so federleicht wie noch nie. Tanzte über die Wolke zu dem Schloss. Es waren Menschen rings um sie herum, doch als sie sie sahen, wichen sie sofort zu Seite und verbeugten sich ehrfürchtig vor ihr. Sie lachte, drehte sich mit ihrem Kleid im Kreis und trat schließlich durch die wunderschöne Eingangstür des Schlosses hinein. Was sie sah, blendete sie noch viel mehr, als die Schönheit ihres Kleides. Es war ein einziger Saal, so hoch wie ein Kirchturm. Er war menschenleer. Von der Decke hinab hing ein Kronleuchter, deren Licht bei der Helligkeit, die der Saal ausstrahlte, gar nicht nötig gewesen wäre. Er war sicherlich fünfmal so groß wie ein normaler Kronleuchter und mit abertausenden Kerzen verziert. Der Boden war weiß, die Wände waren weißen marmoriert, um die Säulen schlangen sich elegant rosane Rosen. Doch was am meisten ins Auge stach, war ein riesengroßer alter Kirschbaum, der die Mitte des Saales zierte. Eine Strickleiter hing herab und in einer Astgabel, nahe der Baumkrone, erspähte sie ein weißes Bett. Sie rannte dorthin, raffte ihr Kleid hoch, und stieg die Strickleiter hinauf. Je näher sie der Baumkrone kam, umso deutlicher hörte sie eine Stimme, die ihre Melodie summte. Sie stieg schneller, immer schneller, verhaspelte sich fast und war kurz davor, hinunterzufallen. Doch sie konnte im letzten Augenblick ihr Gleichgewicht wiederherstellen. Das Summen wurde immer lauter, sie hörte, dass es sich um eine Männerstimme handeln musste. Es fehlte nicht mehr viel, sie war schon fast oben. Sie kletterte die letzten Stufen hinauf, in freudiger Erwartung auf den Mann, der auf dem Bett sitzen würde. Das Summen wurde laut, unerträglich laut. Doch sie konnte nicht aufhören, musste immer weiter klettern. Sie kam oben an. Das Summen verstummte. Dort oben war niemand. Sie kletterte auf das Bett. Sah sich um, lugte sogar unter die Bettdecke, obwohl es offensichtlich war, dass niemand dort war. Ihr Traum wurde urplötzlich zum Albtraum. Überall hörte sie auf einmal wieder das Summen, aus jeder Ecke des Saales schien es zu kommen. Sie blickte umher, hektisch, panisch. Das Bett begann zu vibrieren, durch den lauten Gesang der unsichtbaren Stimmen. Sie wollte hinunter, suchte mit ihren Füßen die Strickleiter, aber da war nichts. Sie blickte hinab. Die Strickleiter lag auf dem Fußboden, zusammengerollt wie ein schlafendes Kind. Sie schluchzte, das Bett wackelte nun unaufhörlich, die Stimmen wurden agressiver. Sie presste sich die Hand auf die Ohren, schluchzte, es wackelte so sehr, sie verlor das Gleichgewicht und fiel, fiel, fiel…

Sie fiel. Auf den Zimmerboden. Es war still. Nur ihr Schluchzen war zu hören. Sie richtete sich auf. Wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sah aus dem Fenster. Und alles was sie sah, war der Kirschbaum. Der sie angrinste und weitersang.

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