Bücher

Das Labyrinth der Wörter


Zuneigung ist etwas, das im Verborgenen wächst. Sie schlägt einfach Wurzeln und wuchert dann schlimmer als Quecken. Wenn es erstmal so weit ist, ist alles zu spät: Das Herz kann man schließlich nicht mit Unkrautfrei behandeln, um die Zärtlichkeit darin auszurotten.

Auf Empfehlung meines Freundes, habe ich gestern Abend „Das Labyrinth der Wörter“ ein Werk der französischen Autorin Marie-Sabine Roger gelesen. Es erzählt die wundersame und gleichzeitig zauberhafte Verbindung zwischen zwei Menschen, die sich nur durch Zufall in einem Park kennenlernten und von da an Freunde wurden. So unterschiedlich die beiden aber auch sind, so gibt es doch so viel, was sie dem anderen zeigen und beibringen können.

Es handelt sich nicht um eine typische Liebesgeschichte, die beiden werden kein Liebespaar, auch wenn sie sich lieben. Sie bereichern gegenseitig ihr Leben, sind füreinander da und öffnen dem anderen die Augen für Dinge, die er sonst niemals wahrgenommen hätte. Der erwachsene, kräftige und zum Teil auch trottelige Germain, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird und die alte, zerbechliche aber auch feinsinnige Margueritte, die Germain dazu bringt, über sich nachzudenken, sich weiterzubilden und in die Welt der Bücher einzudringen.

Ich möchte hier gerne eine kleine Leseprobe anbringen (:

Margueritte dagt, sich zu bilden, das ist, wie wenn man versucht auf einen Berg zu steigen. Heute verstehe ich das besser. Solange man auf seiner Weide steht, meint man, alles zu sehen und zu kennen von der Welt: die Wiese, den Klee und die Kuhfladen (das Beispiel ist von mir). Aber eines schönen Morgens nimmt man seinen Rucksack und wandert los. Und je weiter man geht, desto kleiner wird das, was man hinter sich lässt: Die Kühe werden so winzig wie Karnickel, wie Ameisen, wie Fliegendreck. Und andersrum erscheint einem die Landschaft, die man beim Höherkommen entdeckt immer größer. Man dachte, die Welt würde beim nächsten Hügel aufhören, aber nein! Dahinter ist ein anderer, und noch einer, ein etwas höherer, und noch einer. Und dann ganz viele. Dieses Tal, in dem man so vor sich hin lebte, war nur ein Tal von vielen und nicht einmal das größte. Es war letztlich der Arsch der Welt! Beim Wandern begegnet man anderen Leuten, aber je mehr man sich dem Gipfel nähert, desto weniger werden es, und desto mehr friert man sich einen ab. Bildlich gesprochen meine ich natürlich. Und wenn man dann ganz oben steht, ist man froh und stolz, dass man höher gekommen ist als alle anderen. Man hat einen irre weiten Ausblick. Aber nach einer Weile, da fällt einem was ganz Blödes auf: dass man nämlich allein ist, ohne irgendjemanden, mit dem man noch reden kann. Ganz allein und schrecklich klein. Und vom Standpunkt des Herrn aus, er sei gelobt, sind wir sicher auch nicht größer als ein verdammter Fliegenschiss. Das ist es wahrscheinlich, was Margueritte meint, wenn sie sagt:“Wissen Sie eigentlich, Germain, dass Bildung einsam macht?“ Ich glaube, da hat sie nicht unrecht, und außerdem muss einem ja ganz schön schwindelig werden, wenn man das Leben immer so tief unter sich hat. Die Moral von der Geschichte: Ich werde auf halber Höhe stehen bleiben und glücklich sein, wenn ich es so weit schaffe.

Ich habe das Buch an einem Abend verschlungen und war sehr enttäuscht, als es zu Ende war. Für mich hat es sich einfach noch nicht angefühlt, wie das Ende. Die Geschichte zwischen Margueritte und Germain habe ich mir ein bisschen intensiver dargestellt. Ich hätte es schön gefunden, wenn die Autorin das alles ein bisschen mehr gestreckt hätte, es ausführlicher be- und geschrieben hätte. Das Ende kam mir einfach zu plötzlich, auf einmal war da die letzte Seite aufgeschlagen, dabei hatte ich das Buch eben erst angefangen. Aber auch wenn es nur ein kurzes Leseerlebnis ist, so ist es doch ein wunderschönes, welches ich jedem empfehlen möchte, der einen warmherzigen Roman lesen möchte.

(Marie-Sabine Rogers: Das Labyrinth der Wörter ; Hoffmann und Campe; 18,00€)

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