Sowas wie Leben

Words mean nothing if actions don’t follow


DSC_1388 (800x533)
Das schreckliche an Geburtstagen ist, dass sie einem immer wieder bewusst machen, wie alt man eigentlich schon ist. So unglaublich alt. Neunzehn Jahre, ein Tag, 14 Stunden. Ich fühle mich gebrechlich und als ob ich jeden Moment meinen letzten Atem aushauche. Okay, das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ich fühle mich trotzdem entsetzlich alt. Jedes weitere Jahr entfernt mich weiter von der kindlichen Jugend und Unbeschwertheit. Jedes weitere Jahr bringt mich näher zu Verantwortung und Pflichtbewusstsein.

Ich will nicht älter werden. Das klingt melodramatisch, aber ich will einfach nicht älter werden. Ich fühle mich wie Peter Pan, der auch nie erwachsen werden wollte, sondern für immer die  Leichtigkeit des Kindseins genießen wollte. Ironischerweise führen wir das Kinderstück Peter Pan dieses Jahr mit unserem Theaterkurs in der Schule auf und ich werde mehrmals die Woche mit meinem Alters-Dilemma konfrontiert. Nicht direkt, nein, aber unbewusst habe ich eine Abneigung dagegen entwickelt, noch älter zu werden, als ich es jetzt schon bin.

Ein Drittel oder Viertel meines Lebens, je nachdem, wie gut Gott es mit mir meint,  ist jetzt schon vorbei und was habe ich daraus gemacht? Nichts. Ich habe weder irgendwelche besonderen Ehrungen errungen, noch kann ich mich durch überdurchschnittliche Intelligenz, Humor oder Beliebtheit auszeichnen. Auf solchen Skalen verschwinde ich, ich falle weder positiv noch negativ auf, ich bin zwar da, aber es würde auch nichts an der Situation ändern, wenn ich nicht da wäre. Ich bewirke nichts. Ich existiere, ich vegetiere, aber ich schaffe nichts. Ich habe mich noch nirgendswo verewigen können, außer an der Bestleistungs-Sporttafel im Schulflur. Ich möchte aber etwas schaffen, ich möchte mich irgendwo verewigen, etwas erreichen. Ich will ja nicht gleich in den Geschichtsbüchern landen, um Gottes Willen nein, aber ich möchte eine Botschaft übermitteln, ich will Menschen etwas bedeuten, ich will sie zum Denken anregen.

Das mündet hier alles schon wieder in eine katastrophale Selbstmitleids-Tirade. Nein, ich habe kein Selbstmitleid und ich habe auch keines verdient. Menschen in anderen Ländern wären wahrscheinlich froh, wenn sie 19 Jahre lang so leben konnten wie ich. Ohne irgendwelche schwerwiegenden Probleme oder Krankheiten. Viele Menschen auf dieser Welt erreichen nicht einmal das 19. Lebensjahr (eigentlich ist es schon das 20. Lebensjahr, oder nicht?). Ich kann froh sein, überhaupt existieren zu dürfen. Ich kann froh sein, dass ich physisch gesund bin, ich kann froh sein, dass ich unter so liebenswürdigen Menschen aufwachse, wenn es von der Zahl her auch nicht viele sind. Ich bin auch froh. Und ich denke mir außerdem: Wer hat denn bitteschön mit 19 schon etwas Bewegendes erreichen können? Das sind doch bestimmt nicht besonders viele. Das Erreichen, das kommt doch noch. Im nächsten Viertel und im übernächsten. Ich habe noch Zeit, hoffentlich. Nein, nicht hoffentlich, bestimmt! Von jetzt an ist nichts mehr mit ‚hoffentlich‘. Von jetzt wird alles mit einem selbstbewussten ‚bestimmt‘ unterlegt und ich werde auch nur noch selbstsicher und souverän durch die Weltgeschichte spazieren. Hoffentlich. Bestimmt!

Advertisements

3 Kommentare zu „Words mean nothing if actions don’t follow

  1. Ey, Alde! 19? Alt?? Hallo??? Es gibt eine, und nur eine einzige Definition von „altern“, die ich berechtigt für negativ halte, und das ist körperlicher Verfall. *Dieser* hält sich bei Dir aber soweit noch in Grenzen, oder? Um ein Fantasie-Beispiel dagegen zu halten: Kennst Du Sanctuary? Das ist eine kanadische Mystery-Fernsehserie (die Folgen gibt’s, wenn auch in bescheidener Qualität, auf YouTube) um eine 157 Jahre alte — biologisch unsterbliche — Ärztin, Helen Magnus (dargestellt von Amanda Tapping, bekannt u.a. durch StarGate). Helen Magnus ist ein atemberaubender Charakter: Intelligent, attraktiv, lebenserfahren, sexy, kämpferisch, und noch vieles andere mehr. Das menschliche Verständnis des Alterungsvorgangs ist nach wie vor sehr bescheiden (ich weiss, wovon ich rede — ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen). Nehmen wir also für einen Augenblick an, eine Person wie Helen Magnus wäre real. 157 Jahre alt, aber in Topform, ohne jegliche Anzeichen körperlichen Verfalls, und mit der Erfahrung von 157 Lebensjahren. Wäre das „Alter“ dieser Person irgendein Problem? Ich glaube nicht.

    Da also das numerische und (mit 19) das körperliche Alter nicht wirklich die Ursache Deines Widerstands sein können, muss es irgendetwas anderes sein. Und da treten zwei grosse, schwere Eisenkugeln ins Blickfeld: „Verantwortung“ und „Pflichtbewusstsein“. Mir scheint, dass es die mehr oder weniger selbstverständliche Verbindung dieser Begriffe mit dem Älterwerden ist, die einen wesentlichen Teil des Widerstands bei Dir ausmacht. Du solltest Dir dabei aber im Klaren sein, dass diese Verbindung kein Naturgesetz ist. Sie ist eine Entscheidung. Nur dann nicht, wenn Du uneingeschränkt eine brave Tochter, Schwester, Partnerin, Enkelin, Nachbarin, usw. sein und auch sonst allen gesellschaftlichen Normen entsprechen willst. Vielleicht ist es ein Konflikt zwischen äusseren (in gewisser Weise verinnerlichten) Erwartungen und tiefliegenden anderen Wünschen, der dem Widerstand gegen das „Altern“ zugrundeliegt? Vielleicht gibt es einen Teil von Dir, der von dem vorgezeichneten Ablauf (Studium, Heirat, Karriere 1. Teil, Doppelhaushälfte, zwei bis drei Kinder, evtl. Karriere 2. Teil, …) nicht so sehr begeistert ist? Möglicherweise liege ich auch völlig falsch, und projiziere zuviel von meiner eigenen rebellischen Natur auf Dich. Aber mein Gefühl sagt mir, dass ich wahrscheinlich nicht ganz danebenliege. Auch hier wäre nicht das „Altern“ das eigentliche Problem.

    Und zum nächsten Abschnitt: Du hast tatsächlich mit 19 noch keinen Bestseller geschrieben, keine Olympiamedaille gewonnen, keine Hauptrolle in einem Blockbuster gespielt, keine bahnbrechende wissenschaftliche Entdeckung gemacht, und noch keinen Nobelpreis erhalten? Da bin ich aber echt schwer enttäuscht! Langweilige Tussie! Im Ernst: Du kannst nicht alles gleichzeitig tun. Gerade bei dem hohen Anspruch an Perfektion, den Du an all Deine Rollen (Tochter, Schwester, Partnerin, Abiturientin, Bloggerin, …) stellst, kann die Zahl der Rollen naturbedingt nicht allzu gross sein. Und bevor Du Dich gegen den Begriff „Perfektion“ verwahrst, beantworte Dir selbst die Frage, ob folgender Slogan auf Dich zutrifft oder nicht: „Perfection is our goal, excellence will be tolerated“. Ich erinnere auch an den Kommentar einer Deiner Schwestern hier unter „Vorhaben“, nach dem Du Dich verschlechtern müsstest, um eine „gute“ Schwester zu werden. Versuchst Du über längere Zeit „noch mehr“ zu leisten, fangen entweder einige Bereiche an zu bröckeln (das wäre die harmlosere Variante), oder Du riskierst irgendwann einen Burnout (das kann, wie ich aus bitterer Erfahrung weiss, ziemlich heftig sein).

    Um ausserwöhnliche Leistungen zu vollbringen, brauchst Du erst mal grundlegenes „Werkzeug“: Deutsch, Fremdsprachen, Mathematik, Computerkenntnisse, und vieles andere mehr. Nicht im Sinne der Schulfächer, sondern im Sinne praktischer Anwendbarkeit, aber mit der Hoffnung, das beides möglichst weit überlappt. Jetzt ist die Lebensphase, um diese „Werkzeuge“ — in möglichst hoher Qualität und fein geschliffen — anzusammeln. Ich finde nicht, dass daran irgendetwas frustrierendes ist.

  2. Variante A: Krumeluse Pillen. Aber auch Pippi hatte Verantwortung, denn sonst hätte man sie jeden Abend um 9 Uhr ins Bett gelegt. Verantwortung bedeutet auch Freiheit, warum vergessen das immer alle? Wie lange haben Frauen für ihre Mündigkeit gekämpft? (8.März)

    Variante B: Verstehen, dass Verantwortung auch Freiheit ist. Klar ist man unbeschwert, aber dann kann man auch keine eigenen Entscheidungen treffen. Also ich will nicht immer machen was andere mir sagen. Und das hat wirklich rein gar nichts mit dem Alter zu tun, also ab einem Alter, in dem man ohne Hilfe lebensfähig ist.
    Hohe Ziele zu haben ist auch nicht verkehrt. Ich möchte gerne in den Geschichtbüchern stehen oder meine eigenen Werke in großen Bibliotheken stehen sehen. Bin ich jetzt arrogant?
    Versuch mal, deinen Tagen mehr Leben zu geben. Und überlege dir, warum du als Kind Erwachsen werden bzw. wie du als Jugendlicher erste eigene Entscheidungen treffen wolltest. Vielleicht kannst du dann mehr Wertschätzung aufbringen!

    Falls dir das alles nicht gefällt, kann man immernoch in eine Nervenheilanstalt gehen. Dort sind die Menschen unmündig, können keine eigenen Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen.

    Aber ich hoffe, dass du die Schönheit sehen wirst :)
    Alles Gute nachträglich!

    1. Ich kann mich der Sichtweise, dass aus Verantwortung Freiheit folgt, nicht anschliessen. Ganz im Gegenteil meine ich, dass aus Verantwortung zwangsläufig ein Verlust an Freiheit folgt. Ich möchte das an einem aktuellen Tweet Liesas erläutern:

      „Nur noch drei Wochen, dann habe ich die dreizehn Jahre abgesessen und bin endlich frei.“

      Liesa trägt gegenwärtig die Verantwortung für ihre Abiturergebnisse. Das erfordert einen erheblichen Einsatz an Zeit und Energie, und mindert damit ihre Freiheit, z.B. die Freiheit morgens solange zu schlafen, wie es ihr Spass macht. Sobald das Projekt „Abitur“ abgeschlossen ist, entfällt diese Verantwortung, und Liesa ist — erst mal — wesentlich freier. Natürlich akzeptiert man normalerweise den mit der Übernahme von Verantwortung verbundenen Verlust von Freiheit bewusst, weil der zu erwartende Vorteil den Nachteil der verminderten Freiheit überwiegt.

      Es gibt allerdings eine Grenze, ab der ein weiterer Verlust an Freiheit destruktiv ist, und zu einem roboterhaften, freudlosen Leben führt. Problematisch ist es — das ist einer der Kernpunkte meines obigen Kommentars — wenn die Erwartungen des Umfelds und andere soziale Mechanismen zu einer „automatischen“, zwangsläufigen Übernahme von Verantwortung führen, die nicht das Resultat einer wirklich bewussten eigenen Entscheidung ist. Zuviel Verantwortung, Pflichtbewusstsein und Disziplin über lange Zeiträume — wobei die Grenzen individuell natürlich individuell verschieden sind — kann körperlich und seelisch schwere Schäden anrichten. Ich meine damit natürlich nicht, dass man jegliche Verantwortung weit von sich weisen sollte. Aber sie sollte in jedem einzelnen Fall einer bewussten, von allen Teilen der eigenen Persönlichkeit getragenen Entscheidung folgen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s