Sowas wie Leben · Versuche

She’s a bibliophile, lost between the pages, lost in words #01


 Picture via weheartit

Es war dieses Buch, das eine magische Anziehungskraft auf sie ausübte. Ein äußerlich scheinbar völlig normales Buch, etwas abgegriffen und der Buchdeckel war schon etwas eingerissen. Die Seiten schienen leicht vergilbt, als ob sich das Buch lange Zeit an einem Platz befunden hätte, an dem die Sonne hineinstrahlt. Es lag auf dem Tisch, genau zwischen „P.S. Ich liebe dich“ und „Und dennoch ist es Liebe“, doch scheinbar gehörte es so gar nicht zu den klischeebehafteten Liebesromanen. Es sah eher aus, als gehöre es einer anderen Zeit an, als hätte jemand es zufällig dort hingelegt und dann vergessen wieder mitzunehmen. Sie hielt den Atem an und blickte sich um. Sie war alleine in der riesigen Bibliothek. Bevor sie  sich versah, schnappte sie sich das Buch und stopfte es in ihren Rucksack. Auf dem Weg nach draußen fühlte sie sich so, als würde die Bibliothekarin, die geschäftig hinter ihrem großen Pult saß, ihr hinterherblicken und die Form des Buches in ihrem Rucksack erahnen. Sie beschleunigte ihre Schritte und hastete mit einem gemurmelten „Auf Wiedersehen“ aus dem Raum.

Auf dem Weg nach Hause versuchte sie sich darüber bewusst zu werden, was sie gerade getan hatte. „Ich habe ein Buch gestohlen“, fuhr es ihr nur immer wieder durch den Kopf und sie schämte sich dafür. Aber gleichzeitig war das Verlangen, einen Blick in das Buch zu werfen, so unheimlich groß, dass sie nach Hause rannte, anstatt die zehn Minuten auf den Bus zu warten. Es war ein lauer Nachmittag im Frühling, windstill und die Vögel bauten eifrig an ihren Nestern und zwitscherten pausenlos. Als sie an der Haustür ankam, keuchte sie. Sie hatte schon lange keinen Sport mehr gemacht, sie hielt nicht viel vom Sport. Obwohl sie mal einen Vertrag  mit einem Fitessstudio ausgehandelt hatte, ging sie vielleicht einmal im Monat dorthin. Es war ihr einfach zu anstrengend und sie empfand die Zeit, die sie dort zwischen all den schwitzenden, fremden Menschen verbrachte, als pure Zeitverschwendung. Lieber verbrachte sie ihre Tage damit, zu lesen oder selber zu schreiben. Sie versuchte sich gerade an ihrem ersten Roman, aber ihr wollte es einfach nicht richtig gelingen, die Worte aneinanderzuknüpfen, sodass sie einen Sinn ergaben. Ideen hatte sie viele und oft kam es ihr so vor, dass sie zu viele Einfälle aber viel zu wenige Worte besaß. Sie öffnete ihren Rucksack und suchte nach dem Schlüssel, dabei stieß sie mit ihrer Hand mehrmals an das Buch. Freudige Erregung durchfuhr sie und sie konnte sich kaum noch beherrschen, dieses wunderbare Buch nicht gleich auf der Stelle zu verschlingen. Endlich fand sie ihren Schlüssel, öffnete mit zittrigen Händen die Haustür, rannte die acht Treppen bis zum vierten Stock hoch und nahm dabei immer zwei Treppenstufen gleichzeitig.

In ihrer mollig warmen Wohnung kam ihr sofort ihr Kater entgegen. Er maunzte, wollte gestreichelt und liebkost werden, aber sie hatte keine Aufmerksamkeit für ihn übrig, sondern griff, noch ehe sie ihre Jacke ausgezogen hatte, nach dem Buch und  machte es sich auf ihrem blutroten Lesesessel gemütlich. Ehrfürchtig betrachtete sie das Buch, seinen dunkelgrünen Einband mit goldenen und schwarzen Ornamenten, die kunstvoll eingestickt waren. Das Buch trug weder auf dem Einband noch auf dem Buchrücken einen Titel. Sie wagte sich fast gar nicht, das Buch aufzuschlagen. Schon alleine vom Ansehen des Einbandes fühlte sie sich benebelt und wie betäubt und war völlig eingenommen von der Schönheit und der Aura, die dieses Buch ausstrahlte. Sie fragte sich, was dieses Buch in der Bibliothek verloren hatte. Ob es jemand aus Versehen dort liegen gelassen hatte? So groß ihre Neugier auch war, genoss sie es, sich etwas zu quälen und noch damit zu warten, das Buch endlich aufzuschlagen. Sie strich über den Stoff und spürte die Umrisse der Verzierungen. Alles in ihr drängte sie dazu, endlich einen Blick in das Buch zu werfen, herauszufinden, welche wunderbare Geschichte dahinter versteckt war, was das Buch ihr für eine Botschaft geben würde. Ob es ihr überhaupt eine Botschaft geben würde. Doch bevor sie es tatsächlich aufschlagen wollte, beschloss sie, sich erstmal einen warmen Kakao zu machen. Um ihre überaus strapazierten Nerven etwas zu beruhigen. „Bleib ruhig“, ermahnte sie sich. „Es ist doch nur ein Buch.“ Nur ein Buch? Nur?

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3 Kommentare zu „She’s a bibliophile, lost between the pages, lost in words #01

  1. Als ich ein kleiner Junge war, hatte ich mir zu Weihnachten aus einem Versandhauskatalog das „Werkbuch für Jungen“ von Rudolf Wollmann gewünscht. Ich wusste damals nicht, dass dieses Buch bereits seit Jahrzehnten ein Bestseller war. Meine Eltern bestellten das Buch daraufhin, und es kam bis Weihnachten in einen Karton auf den Dachboden. Ich weiss nicht mehr genau, was der Grund war (vielleicht die Beschreibung im Katalog), aber das Buch zog mich magisch an. Eines Tages hielt ich es nicht mehr aus, und schlich mich auf den Dachboden. Ganz vorsichtig entfernte ich die Schutzfolie, so dass ich sie später wieder darüberziehen konnte (es war eine dickere Folie als heute üblich), und begann im dämmrigen Dachbodenlicht zu lesen. Ich tauchte in eine wunderbare Welt der Technik ein: Zahllose Bastelanleitungen, z.B. für einen kleinen gummigetriebenen Schwimmroboter (bei dessen Beschreibung ich lange nachgrübelte, was denn wohl mit einer Umlenkrolle gemeint sein könnte, weil ich das Wort als Umlen-krolle las), Schokoladenautomaten, Modellraddampfer, Kolbenpumpe, einen verblüffenden wasser- und luftdruckgetriebenen Zimmerspringbrunnen, Wasserrad, Mikroskop, Windfahne mit elektrischer Fernanzeige, Netzgerät, Hochspannungsgenerator, Wechselsprechanlage, Elektrogitarre, Heissluftballon, Flugkreisel. Das war nur eine kleine Auswahl (das Buch hat fast 500 Seiten und ist klein gedruckt) der Projekte, die mich am meisten faszinierten, und von denen ich einige später auch gebaut habe. Am ersten Tag las ich vielleicht eine halbe Stunde (länger wäre aufgefallen), und konnte es kaum bis zum nächsten Tag aushalten um weiterzulesen. Pure Faszination. Ein paar Tage vor Weihnachten hatte ich das Buch komplett gelesen, und packte es wieder in die Schutzfolie ein, was auch recht gut gelang. Obwohl ich es schon einmal heimlich komplett durchgelesen hatte, war es trotzdem am Weihnachtsabend ein Schatz für mich. Endlich durfte ich es offen und bei hellem Licht lesen. Dieses Buch hat sehr wesentlich zu meiner Begeisterung und zu einem tiefen Verständnis für Technik beigetragen, die mir in meinem Leben viel Glück gebracht haben. Neben den Bastelanleitungen erklärt es praxisorientiert auch die technischen und physikalischen Grundlagen der jeweiligen Projekte, so dass man die Theorie ganz nebenbei mit vermittelt bekommt. Ich habe wenige Bücher in meinem Leben so oft in der Hand gehabt wie dieses, und das Durchblättern (ich habe es nach vielen Jahren wieder hervorgeholt, und jetzt gerade auf meinen Knien) weckt unzählige schöne Erinnerungen.

  2. Mach das Buch auf und schreib, worums geht!!!
    Es kann doch nicht sein, dass jemand so die Neugier anderer Personen weckt und die dann zappeln laesst. Das mies und gemein;P
    Aber Respekt, dass du ein Buch geklaut hast, einfach mal eben so.
    Faellt das nicht auf, wenn jemand es ausleihen will und nicht findet ;)
    Weiss ja keiner dass du es warst.
    Aber worum geht es darinn???

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