Sowas wie Leben

13.04.2012


„Hin und wieder hat das Schicksal Ähnlichkeit mit einem örtlichen Sandsturm, der unablässig die Richtung wechselt. Sobald du deine Laufrichtung änderst, um ihm auszuweichen, ändert auch der Sturm seine Richtung, um dir zu folgen. Wieder änderst du die Richtung. Und wieder schlägt der Sturm den gleichen Weg ein. Dies wiederholt sich Mal für Mal, und es ist, als tanzest du in der Dämmerung einen wilden Tanz mit dem Totengott. Dieser Sturm ist jedoch kein beziehungsloses Etwas, das irgendwoher aus der Ferne heraufzieht. Eigentlich bist der Sandsturm du selbst. Etwas in dir. Also bleibt dir nichts anderes übrig, als dich damit abzufinden und, so gut es geht, einen Fuss vor den anderen zu setzen, Augen und Ohren fest zu verschließen, damit kein Sand eindringt und dich Schritt für Schritt herauszuarbeiten. Vielleicht scheint dir auf diesem Weg weder Sonne noch Mond, vielleicht existiert keine Richtung und nicht einmal die Zeit. Nur winzige, weisse Sandkörner, wie Knochenmehl, wirbeln bis hoch hinauf in den Himmel. So sieht der Sandsturm aus, den ich mir vorstelle. […]

Natürlich kommst du durch. Durch diesen tobenden Sandsturm. Diesen metaphysischen, symbolischen Sandsturm. Doch auch wenn er metaphysisch und symbolisch ist, wird er dir wie mit tausend Rasierklingen das Fleisch aufschlitzen. Das Blut vieler Menschen wird fliessen, auch dein eigenes. Warmes, rotes Blut. Du wirst dieses Blut mit deinen Händen auffangen. Es ist dein Blut und das der vielen.

Und wenn der Sndsturm vorüber ist, wirst du kaum begreifen können, wie du ihn durchquert und überlebt hast. Du wirst auch nicht sicher sein, ob er wirklich vorüber ist.  Nur eins ist sicher. Derjenige, der aus dem Sandsturm kommt, ist nicht mehr derjenige, der durch ihn hindurchgegangen ist. Darin liegt der Sinn eines Sandsturms.“

Haruki Murakami, Kafka am Strand 

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3 Kommentare zu „13.04.2012

  1. Ich habe schon oft über die philosophische Sichtweise — wie sie auch in diesem Text vertreten wird — nachgedacht, dass auch alle unsere negativen Erlebnisse im Endeffekt positiv und konstruktiv sind, wenn man nur intensiv genug nach dem richtigen Blickwinkel sucht. Das wäre natürlich schön und wünschenswert, und ich würde mich freuen, hier verkünden zu können, dass ich zu genau dieser Schlussfolgerung gekommen bin. Leider ist das nicht so. Auch wenn ich damit zahllose Optimisten und Vertreter des „Positiven Denkens“ verärgere: Ich kann z.T. auch nach Jahrzehnten sowohl in bestimmten Alltagsärgerlichkeiten als auch in einigen persönlichen „Katastrophen“, sowohl in meinem eigenen Leben, als auch in dem von Menschen, die mir nahe stehen, etwas nennenswert Positives oder Konstruktives entdecken. Möglicherweise habe ich die richtige Sichtweise einfach noch nicht gefunden, aber bezweifle, dass diejenigen, die vorgeblich alles positiv sehen, wirklich so viel weiter entwickelt sind. Sehr oft beobachte ich eher Oberflächlichkeit bis hin zu schierer Realitätsverweigerung.

    Um ein konkretes Beispiel für Vorkommnisse zu nennen, denen ich auch ca. 20 Jahre später nichts Positives abgewinnen kann: Eine gute Freundin (im Sinne von Freundschaft, nicht im Sinne von Beziehung) von mir wurde im Alter von 8 bis 11 von ihrem Vater missbraucht. Ich habe sie kennengelernt, als sie 18 war, und habe die vergangenen Jahre — sie ist jetzt Ende Zwanzig — einen ziemlich tiefen Einblick in ihr Leben gehabt (sie ist für mich eine Art „kleine Schwester“). Obwohl es durchaus auch schöne Zeiten gab, waren viele Entwicklungen eher negativ: Alkohol, Drogen, Prostitution, ein bemerkenswertes Geschick dafür, sich gewalttätige Partner auszusuchen, und einige andere Tiefpunkte mehr. Der psychologische Zusammenhang zwischen diesen Entwicklungen und den Vorkommnissen in ihrer Kindheit ist ziemlich klar zu erkennen. Dabei verfügt sie eigentlich über einige bemerkenswerte Talente: Sie ist z.B. erheblich intelligenter, als die meisten Menschen ihr anhand ihrer sozialen Stellung zugestehen möchten, sie kann (leider nur, wenn sie ziemlich viel getrunken hat) richtig gut singen und fantastisch zeichnen. Trotzdem hat sie bisher im wesentlichen nur ein „Talent“ wirklich intensiv genutzt: Ihre (beträchtliche) körperliche Attraktivität. Über allem anderen — leider kann ich das hier mit Worten wohl nur unzureichend vermitteln — liegen ihre Kindheitserlebnisse wie ein dunkler Schatten. Wie soll man so etwas — um wieder auf das ursprüngliche Thema zurückzukommen — positiv deuten?

  2. Oh … oh … im vierten Satz meinte ich natürlich „nichts nennenswert Positives oder Konstruktives“ statt „etwas Positives oder Konstruktives“. Es gibt mir jetzt schon zu denken, dass mir ausgerechnet *dieser* Fehler passiert ist …

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