Sowas wie Leben · Versuche

I wish I could see you tomorrow even just for a second


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Es regnete, als sie aus der Haustür trat, ganz leichter Nieselregen, der sich sanft auf ihrem Haar absetzte, ehe sie den Regenschirm aus der Tasche gezogen und aufgespannt hatte. Auch wenn es nur Nieselregen war, sie konnte es absolut nicht leiden, wenn ihre Haare nass wurden, denn dann kräuselten sie sich noch schlimmer, als sie es ohnehin schon taten und außerdem brauchten sie eine Ewigkeit, um wieder zu trocknen. Während sie unter ihrem aufgespannten Regenbogenschirm die Straße runterlief, achtete sie tunlichst darauf, nicht in eine der vielen Pfützen zu treten, denn es gab nur eine Sache, die schlimmer war als nasses Haar und das waren nasse Schuhe. Vor allem dann, wenn man Stoffschuhe trug, die nur darauf warteten, jeden Tropfen Feuchtigkeit, der ihnen entgegenkam, aufzusaugen. An der Bushaltestelle hielt sie kurz inne, sie überlegte, ob sie nicht vielleicht lieber mit dem Bus fahren sollte, schließlich war es ein ganzes Stückchen zu laufen und weil sie sowieso keine Lust auf den Regen hatte und der Bus just in diesem Moment anhielt, entschloss sie sich dazu, lieber im Trockenen ans Ziel zu kommen, wer weiß, vielleicht würde sie es dann auch einmal schaffen, pünktlich zu kommen. Sie nestelte am Verschluss ihrer Tasche, um ihr Portemonnaie herauszukramen, hatte es aber offensichtlich vergessen. Jetzt stand sie schon im Bus, der Fahrer schaute sie ganz ungehalten an, weil sie so lange in ihrer Tasche kramte. „Wird’s bald?!“, blaffte er und sie wollte gerade dazu ansetzen sich zu entschuldigen, ihr Portemonnaie vergessen zu haben, als ein junger Mann ihr einen Fünfer in die Hand schob. Ohne groß nachzudenken nahm sie ihn an und reichte ihn dem Fahrer, der ihr jetzt, immer noch ziemlich unwirsch, das Restgeld und die Fahrkarte in die Hand drückte. Sie schlängelte sich durch den Bus und nahm auf einem leeren Zweisitzer Platz, als sich der Kerl, der ihr eben das Geld zusteckte, neben sie setzte. „Mir passiert das auch immer“, setzte er an, „ich vergesse ständig meine Brieftasche und das ärgerlichste ist, dass ich eigentlich eine Jahreskarte besitze.“ Sie war sich nicht ganz sicher, was sie sagen sollte, kannte sie diesen Mann oder warum half er ihr so hilfsbereit und sprach nun mit ihr, als wären sie alte Freunde, die sich verabredet hätten? Schuldbewusst drückte sie ihm das Restgeld in die Hand. „Danke, das war wirklich nett von Ihnen, sonst hätte ich im Regen laufen müssen.“ Sie klappte ihren Regenschirm wieder zusammen und legte ihn vor ihre Füße. Belustigt schaute der Fremde sie an. „Nicht siezen, bitte, ich kann das ganz und gar nicht leiden. Ich heiße Ivan und du?“ Beim Klang seines Namens, zuckte sie aus unerfindlichen Gründen etwas zusammen. „Margarita“, antwortete sie schnell. „Ich habe dich noch nie in unserer Straße gesehen, ich dachte, ich würde jeden kennen, der dort wohnt.“ Ein rascher Seitenblick bestätigte ihre Vermutung, dass er schon wieder belustigt dreinschaute. „Vielleicht wohne ich ja gar nicht dort“, sagte er aber nur und grinste weiter vor sich hin. Sie wusste nicht, ob er erwartete, dass sie das Gespräch, das ja eigentlich kein richtiges Gespräch war, weiterführen würden, sie wusste nicht, was sie zu ihm sagen sollte, sie hatte einige Fragen, aber in ihrem Kopf klangen sie allesamt so komisch, dass sie sich gar nicht erst wagte, sie auszusprechen und laut zu hören, deswegen unterließ sie es und blickte abwechselnd aus dem Fenster und auf ihren Schoß, auf dem ihre Tasche und ihre ineinander verknäulten Hände gebettet waren. „Du bist nervös, warum?“, fragte er sie plötzlich. Sie starrte weiterhin auf ihre Hände, als ob dort die Antwort geschrieben stünde. „Ich weiß es nicht.“, sagte sie nach einer kurzen Pause. „Vermutlich, weil ich dich nicht kenne und du mich nicht kennst und es mir trotzdem so vorkommt, als würden wir uns eigentlich kennen, irgendwie.“ Der Bus hielt an. „Wer sagt, dass ich dich nicht kenne?“, erwiderte er nur und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, sprang er auf und stieg aus dem Bus aus, ohne ein Wort, ohne eines weiteren Blickes. Sie war verwirrt, sah ihm hinterher und schaute um sich, als ihr Blick an einem kleinen Gegenstand hängenblieb, direkt auf dem Sitz, auf dem er eben noch gesessen hatte. Es war ein iPod, ein ziemlich altes und unhandliches Ding, das Gehäuse war zerkratzt und der schwarze Lack war mit zahlreichen silbernen Kratzern verziert. Ohne zu zörgern stöpselte sie ihre Kopfhörer hinein und versank in…ihrer Lieblinsgmusik. Das konnte nicht sein. Hektisch drückte sie auf dem iPod herum, bis sie in die Mediathek gelang. Sie scrollte durch die Interpreten und tatsächlich, das waren fast eins zu eins die Künstler und Künstlerinnen, die auch auf ihrem iPod zu finden waren. Sie blickte zur Tür, aber der Bus war natürlich schon längst wieder weitergefahren. Ihr Herz pochte laut und schnell und ohne groß weiter darüber nachzudenken, warf sie den iPod in ihre Tasche, verschloss diese und hielt sie noch fester umklammert als zuvor. Sie schloss die Augen und zählte langsam bis zehn. Doch das half ganz und gar nicht, um über ihre aufsteigende Nervosität hinwegzukommen. Eher wurde sie noch nervöser, weil sie sich in diesen zehn Sekunden bewusst gemacht hatte, wo sie gerade hinfuhr. Dabei wollte sie dort überhaupt nicht mehr hin. Sie wollte wieder zurück, sie wollte an der Haltestelle aussteigen, an der er, Ivan, ausgestiegen ist. Sie wollte mit ihm reden, auch wenn sie nicht wusste, worüber. Sie wollte alles, außer in diesem Bus bleiben. Sie wollte Antworten.

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