Bücher

J.D. Salinger: „Der Fänger im Roggen“


Womöglich ist Der Fänger im Roggen wirklich eines dieser Bücher, das man unbedingt gelesen haben muss, vor allem in dem Zeitalter, in dem dessen Cover auf Plattformen wie Tumblr Tag für Tag von Tausenden Teenagern gerebloggt und geliebt und gelobpreist wird. Es ist eines der Bücher, das anscheinend unsere Jugend definiert und das, obwohl es schon über 60 Jahre alt ist. Es scheint topaktuell, realitätsnah und durch die Zitate, die auf Tumblr verbreitet wurden, kam auch ich nicht drum herum, dieses Buch links liegen zu lassen. Ich musste es haben, ich musste es lesen und ich wollte es lieben – ich glaube, das ist mir auch recht gut gelungen.

Inhalt: Ich-Erzähler des Romans ist Holden Caulfield, der sich zur Zeit seiner Aufzeichnungen zur Erholung und psychiatrischen Behandlung in einem Sanatorium befindet. Sein Roman handelt davon, wie er nach einem Schulverweis für seine schlechten Noten kurz vor Beginn der Weihnachtsferien die Schule vorzeitig verlässt, um dem oberflächlichen, selbstdarstellerischen Verhalten seiner Kameraden und der Schulgesellschaft zu entfliehen. Er traut sich aus Angst vor der Reaktion der hysterisch-nervösen Mutter und des erfolgreichen Vaters nicht sofort nach Hause, sondern irrt drei Tage lang auf der Suche nach menschlicher Nähe und einer Zukunftsperspektive durch Manhattan. (via)

Meinung: Holden Caulfield ist eine Person, für die man von Anfang an so etwas wie Sympathie empfindet. Vielleicht ergeht es auch nur mir so, aber ich konnte mich unglaublich gut mit ihm identifizieren. Wenn er wollte, dann konnte er mit all den Menschen um sich herum auskommen, er brauchte sie auch, denn er wollte nicht allein sein. Andererseits gingen ihm diese ganzen verlogenen und piefigen Scheißkerle (um es mit seinen Worten zu formulieren) dermaßen auf den Senkel, dass er es nicht aushielt, länger mit ihnen unter einem Dach zu leben. So beschloss er, nach dem Schulrauswurf, der ja im Übrigen nicht sein erster war, nicht bis zum offiziellen Schulschluss zu warten, sondern auf eigene Faust zu gehen, dann wann es ihm passte. Er hatte ja sowieso nichts mehr dort verloren, bei diesen piefigen und verlogenen Menschen. Ja, piefig und verlogen, das waren wohl die Worte, die Holden Caulfield am häufigsten in den Mund nahm oder zumindest dachte. Und durch diese Gedankengänge eines mit sich selbst und der Gesellschaft unzufriedenen 16jährigen bewegt sich der Leser nun sage und schreibe drei Tage lang. Drei Tage weichen wir nicht von Holdens Seite, erfahren alles, was er tut und denkt und begleiten ihn durch eine Zeit, die eher durch Tiefen als durch Höhen gekennzeichnet ist.

Ich wollte Holden in den Arm nehmen, ihn knuddeln und ihm sagen, dass alles wieder gut werden wird. Ich wollte ihm helfen, dabei sich selbst zu finden und ich wollte ihm sagen, dass er ein großartiger Mensch ist, er aber nicht wirklich etwas daraus macht. Ich wollte ihn antreiben, ich wollte ihn beruhigen, ich wollte ihn aufmuntern. Ich wollte ihm eine Freundin sein und für ihn da sein. Was natürlich alles nur in meinen Träumen und Gedanken einen Sinn ergibt. In der Wirklichkeit habe ich Holden aber immerhin der Liste der fiktiven Charaktere hinzugefügt, in die ich unstreblich verliebt war/bin/immer sein werde. Es geht schließlich schon so weit, dass ich mich auf Twitter in Ms. Caulfield umbenannt habe, jawoll. Die ganze Zeit während des Lesens hatte ich Angst, dass Holden sich das Leben nehmen würde, er schien so nahe am Abgrund, tänzelte direkt an der Grenze und alles was ich wollte war, seine Hand zu nehmen und ihn sachte von diesem Abgrund fortzuführen. Was natürlich nicht geht. Aber ganz runtergefallen ist er glücklicherweise nicht, was habe ich ausgeatmet, als das Buch zu Ende war und Holden sich nichts angetan hatte.

Aber nicht nur ausgeatmet habe ich, beim Zuklappen des Buches. Natürlich habe ich auch getrauert. Ich kann es nicht ertragen, wenn solch derart gute Bücher so derart schnell zu Ende gehen. Ich wünschte mir, ich könnte noch mehr von Holden erfahren, ja ehrlich gesagt würde ich ihn gerne bis ans Ende seiner und meiner Tage begleiten und nie wieder von seiner Seite weichen. Diese drei Tage, die ich Holden in seinem Leben begleiten durfte, waren einfach zu kurz. Viel zu kurz. Ich würde J.D. Salinger gerne fragen, ob er mir noch eine 42937346388seitige Fortsetzung von Holdens Leben schreiben mag, aber leider ist er bereits verstorben. Und alles, was er uns hinterlassen hat, sind diese drei Tage aus Holdens Leben. Drei Tage. Immer noch besser als gar nichts. Aber trotzdem viel zu wenig. Dann muss ich mir halt Holdens Zukunft selbst ausmalen. Mit mir an seiner Seite. Okay, das klingt wie ein abgedrehter Nicholas Sparks Titel. Aber egal. Mit mir an Holdens Seite. Das gefällt mir eigentlich ganz gut.

(Lustige Nebeninformation, die eigentlich niemanden interessiert: Als ich den Titel Der Fänger im Roggen das erste Mal hörte, dachte ich, es würde um einen Jäger gehen oder irgendeinen Waldmenschen, der im Roggenfeld lebt oder wasweißich. Ich hätte mir jedenfalls niemals träumen lassen können, dass es um eine so wundervolle Person wie Holden Caulfield es ist, gehen würde. Positive Überraschungen in Büchern sind doch sowieso immer das allerbeste.)

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2 Kommentare zu „J.D. Salinger: „Der Fänger im Roggen“

  1. Ich habe oft von dem Buch gehört, aber nie gelesen. Klingt ein bisschen nach Siddhartha oder Narziß und Goldmund von Hermann Hesse. Ich bin durch Zufall auf dein Blog gestoßen und muss sagen, dass ich überwältigt bin. Deine Beschreibung hat mich echt abtauchen lassen. Kurz in eine andere Welt. Ich werde mir gleich morgen das Buch kaufen. Vielen Dank!

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