Sowas wie Leben · Versuche

Let’s learn to put the past behind us


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Die Kopfhörer auf den Ohren saß sie im Laternenschein auf ihrer Parkbank. Es war nicht tatsächlich ihre Parkbank, sie hatte sie nicht gekauft und sie hatte auch keinen Anspruch darauf, aber es war einfach ihre Bank. Sie saß dort immer und wenn die Bank besetzt war, dann trieb sie sich halt so lange durch die Stadt und den Park, bis die Bank endlich wieder frei war. Aber meistens war die Bank sowieso leer, denn meistens waren kaum Menschen im Park und meistens war sie, vor allem um diese Uhrzeit, die einzige, die überhaupt im Park war. Würde sie die Kopfhörer abnehmen, dann würde sie hinter sich die Baumwipfel und vor sich das Strömen des Flusses leise rauschen hören, aber sie hatte die überdimensional großen Kopfhörer fest auf ihren Ohren und hörte nichts anderes, als die Klänge ihrer Lieblingsband.

So saß sie manchmal stundenlang. Vor allem Abends und  Morgens, tagsüber waren ihr zu viele Kinder im Park unterwegs, die versuchten, den Enten und Schwänen, die am Flussufer für gewöhnlich zu finden waren, kreischend Futter zuzuwerfen, oder Kinder, die irgendwelche Wettrennen veranstalteten und dann fiel irgendwer hin, weil Kinder immer vergessen, ihre Schnürsenkel zuzubinden, oder die Kinder stritten sich wegen irgendeiner Schaufel und ach, es gab genug Gründe um tagsüber nicht in den Park zu gehen, nicht einmal nur wegen der Kinder, auch die Erwachsenen benahmen sich in der Öffentlichkeit unmöglich und überhaupt, viele Menschen hatten einfach keine Ahnung davon, wie man sich zu benehmen hat, das einzige, was sie konnten, war laut zu sein und andere Menschen zu stören. Aber jetzt war es ruhig, bis auf das Baum- und Wasserrauschen war nichts zu hören und selbst das war zumindest für sie nicht zu hören, sie hörte nur The Smiths, sonst nichts.

Sie war müde und ihre Augen tränten, aber das machte nichts, sie war ohnehin in der Stimmung, um massenweise Tränen fließen zu lassen. Überall sagte man doch immer, dass Weinen so befreiend sei, sie fand das absolut nicht. Immer wenn sie geweint hatte, fühlte es sich so an, als wäre die Bürde, die sie in ihrem Inneren trug, noch mehr gewachsen, noch schwerer geworden. Ihre Trauer nahm ein immer größeres Ausmaß an und drängte alle anderen Dinge in ihrem Körper zurück, vor allem sämtliche andere Gefühle. Seit sie so oft weinte, hatte sie das Gefühl, überhaupt nichts mehr fühlen zu können, bis auf die Trauer, die so unaufhörlich wuchs und keinen Platz ließ für Glück, Freude oder Euphorie. Alles was sie spürte war Lethargie und Trauer und das machte sie noch lethargischer und trauriger, sodass sie wieder anfing zu weinen und damit wuchs die Lethargie und die Trauer nochmal und es war einfach ein Teufelskreislauf, einer von der ganz bösen Sorte, ohne Ausgang.

Die Musik verstummte. Sie sah auf ihre Armbanduhr, es war eine mit Leuchtanzeige, was im Dunklen natürlich sehr praktisch war, allerdings hatte diese Uhr für sie eine ganz besondere Bedeutung. Es war schon drei Uhr. Auf ihren Wangen glänzte es noch leicht dort, wo ihre Tränen entlanggelaufen sind. Sie sah den Fluss und ganz plötzlich zuckte ein Geistesblitz durch ihren Kopf, ein ganz kurzer, einer, der nur eine Millisekunde braucht, um einzuschlagen. Ohne nachzudenken, begann sie, sich ihrer Kleidung zu entledigen. Es war September, die Nacht war für die spätsommerlichen Verhältnisse recht mild, und so zog sie ihre Hose aus und ihren Pullover und das T-Shirt von ihm aus, ihre Schuhe und Socken, bis sie nur noch in Unterwäsche da stand. Sie bedeckte ihren iPod und ihre Kopfhörer vorsichtig mit den Sachen und nachdem sie das getan hatte, konnte sie nichts mehr halten. Sie sprintete geradewegs in den Fluss, ohne zurückzuschrecken rannte sie ins Wasser und dabei schrie sie, und spritzte das Wasser um sich herum hoch und sie schrie und schrie und dabei weinte sie und lachte sie und schrie sie und der Klumpen Trauer in ihrem Inneren zog sie nach unten aber sie schrie und schrie und sie spürte, dass der Klumpen zwar nicht kleiner, dafür aber leichter wurde, erträglicher und diese Erkenntnis machte sie so euphorisch, dass sie einen kurzen Moment inne hielt. Sie stand bis zum Hals in dem Wasser und wendete ihren Blick nun in den Himmel, dort, wo die Sterne waren und gerade heute leuchteten sie besonders stark und hell. „Ich liebe dich“, flüsterte sie den Sternen zu, ehe sie untertauchte.

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Ein Kommentar zu „Let’s learn to put the past behind us

  1. So ein wunderbarer Text.
    Und vielen Dank! Habe wirklich lange überlegt, ob ich es durchziehen soll. Aber mir gefällt es auch sehr gut :) auf Tumblr hab ich dich auch gleich mal verfolgt! :)

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