Sowas wie Liebe · Versuche

I wish that you were here, or I were here or we were together anywhere


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Es war stickig und schwül, die Luft stand wie in einem Gewächshaus und die Hitze war unerträglich, obwohl die Sonne von zahlreichen hellgrauen Wolken verdeckt wurde. Schnaufend strampelte John auf seinem Fahrrad durch die engen Gassen und Straßen. Kein Wunder, dass es hier so warm und stickig  war, mitten in der Stadt, zwischen den Häusern konnte die Luft ja gar nicht ordentlich abziehen. Sehnsuchtsvoll blickte er in den Himmel, wenn es doch jetzt wenigstens regnen könnte. Aber nicht diesen warmen, weichen Regen, zu dem man so schön auf der Straße tanzen kann, nein, diesen Regen wollte er nicht, er wollte kalten Regen, Regentropfen, die wie Nadelstiche auf seine Schultern und seinen Rücken prasseln und ihn daran erinnerten, dass er lebendig war und dass nicht alle Tage so schrecklich schwül waren. Schwerfällig wechselte er in einen einfacheren Gang, gleich musste er den Berg hochfahren. Er musste nicht, aber er wollte. Er hatte ihm schließlich vorhin eine Nachricht auf seine Mailbox gesprochen, dass er ihn dort treffen möchte, heute. Und auch wenn er nicht geantwortet hat, so muss das ja nicht heißen, dass er keine Zeit für John hatte, vielleicht hielt er eine Antwort darauf einfach für überflüssig oder vielleicht fand er es auch selbstverständlich, dass sie sich heute dort treffen würden, an ihrem Platz.

Früher war es jedenfalls ihr Platz gewesen. Wenn man den Berg erst einmal hochfährt, dann erblickt man von dort ein wunderbar herrliches Tal, einen See, einen Wald, kleine Hügel und eine Steinplatte, von der man in den See springen kann, auf der man sich wunderbar herrlich sonnen kann, einen steinigen Steg eben. Sie hatten so viele Tage dort verbracht und sie hatten sich geschworen, niemand anderem davon zu erzählen. Allerdings wäre es für einen Fremden auch so nicht sonderlich schwer gewesen, diesen Ort zu finden, dennoch war nie jemand anderes dort, wenn die beiden sich mal wieder dort herumtrieben. Als sie noch jünger waren haben sie sich die verrücktesten Spiele ausgedacht, sie haben Indiander gespielt und einmal haben sie den Versuch gewagt, ein Baumhaus zu bauen, was aber eher misslungen ist, da sie die notwendigen Mittel dafür nicht aufbringen konnten. Sie haben sogar einmal ein Feuer entfacht, ein richtiges Feuer, dass sie mit Hilfe von Johns Brille, der Sonne und einem Haufen selbst gesammelten Holz entzündeten. Sie hätten nie gedacht, dass es wirklich klappen könnte, aber als sie es geschafft haben, sind sie wie zwei Verrückte um den Steinkreis, den sie vorher vorsorglich  drum herum gelegt haben, getanzt und gehüpft, bis es anfing zu regnen und das Feuer, das ohnehin nur schwach glimmte, von alleine wieder ausging.

Schwer atmend erreichte John den Berghügel und blickte hinab auf das kleine Reich, das ihn seine ganze Kindheit und Jugend begleitet hatte. Das Laub an den Bäumen wurde langsam gelb und rot und braun, ehe er den Sommer richtig verabschieden konnte, war der Herbst schon eingezogen, aber es störte ihn nicht sonderlich, denn auch wenn der Sommer wohl für immer und ewig seine liebste Jahreszeit sein würde, so war der Herbst doch mindestens genauso schön, wenn nicht sogar schöner. Wahrscheinlich mochte er den Sommer nur wegen der unendlichen Freiheit lieber, der Gewissheit, dass er seine Tage so gestalten konnte, wie er wollte, mit der Person, mit der er die Tage verbringen will. Aber auch das war vorbei, nur noch wenige Tage, dann würde er wegziehen, einen neuen Lebensabschnitt beginnen, ohne die Person, die all die Jahre die wichtigste in seinem Leben war, die ihn immer begleitet hat und die er mehr liebte, als irgendwen anderes auf dieser Welt. Ein lauer Windhauch durchbrach die Schwüle und ließ einige der gelbbunten Blätter auf die Seeoberfläche segeln. Gerade, als John überlegte, ob er den Berg hinunterrollen oder sein Fahrrad lieber schieben sollte, erschien er an seiner Seite, genauso schwer atmend, wie er es selber gerade gewesen war. „Hi“, sagte er. „Hi“, antwortete John. Schweigend blickten sie hinab auf das kleine Paradies, griffen gegenseitig nach ihren Händen und liefen dann, in der einen Hand ihr Fahrrad schiebend und in der anderen die Hand des anderen haltend, den Berg hinab.

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