Persönliches · Sowas wie Leben

We, we’re lost, in this world of pain


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Ich sitze an meinem Schreibtisch und sinniere mal wieder darüber, wie schnell manche Dinge zu Ende gehen. Meine Schulzeit ist zu Ende gegangen, die wichtigsten Freundschaften in meinem Leben sind zu Ende gegangen, die letzte Staffel Make it or break it ist zu Ende gegangen und das Album von The Drums, das ich mir angehört habe, ist gerade eben zu Ende gegangen. Und wieder einmal muss ich feststellen, dass ich mit Enden nicht umgehen kann. Nein, anstatt zu akzeptieren, dass das Album zu Ende ist, drücke ich auf Replay. Obwohl ich weiß, dass es nach 45 Minuten und 20 Sekunden wieder vorbei sein wird. Und meinetwegen könnte ich auch Make it or Break it wieder gucken, obwohl ich weiß, dass es nach drei Staffeln schon wieder vorbei sein wird. Was ich nicht wiederholen kann: Meine Schulzeit, meine Freundschaften. Das sind zwei Dinge, die bereits an mir vorbeigezogen sind. Nein, eher sind es Dinge, die ich hinter mir gelassen habe, beziehungsweise hinter mir lassen musste. Obwohl ich das gar nicht unbedingt wollte. Ich wurde mit lauter Enden konfrontiert, mit denen ich nicht umzugehen weiß und die ich lieber umgehen würde, als mit ihnen umzugehen. Oder so. Es macht mich bedrückt, dass ich nie wieder in die Schule gehen werde. Ich werde nie wieder im Klassenzimmer sitzen und ich werde nie wieder über Frau S. oder Herr M. meckern können. Ich werde nie wieder mit meinen Freundinnen vor der Schule stehen und überlegen, was wir denn diese Mittagspause essen könnten und was wir wohl mit der nächsten Freistunde anfangen. Ich werde nie wieder Mathe, Chemie oder Biologie haben, ich werde nie wieder über den Schulsport jammern können. Ich werde nie wieder mit meinen Freundinnen einen unserer Böttcherabende planen können und ich werde nie wieder mit ihnen zusammensitzen und über Gott und die Welt reden und über unsere Jahrgangskameraden lästern. Unsere Leben wurden entknüpft und als ob das nicht schon schlimm genug wurde, ich wurde auch noch aus der warmen, gemütlichen und wohligen Schule entlassen, in diese schreckliche, grausame Welt, in der man ständig Formulare ausfüllen und überall seinen Personalausweis vorzeigen muss. Ich möchte das nicht, ich bin nicht bereit dazu. Ich möchte die Zeit zurückdrehen und wenigstens die Freundschaften retten, die ich möglicherweise hätte retten können, wenn ich schon nicht mehr in die Schule gehen kann. Mein Leben ist trostlos und einsam und das einzige, auf das ich mich freue, ist der Neuanfang im Oktober, der hoffentlich ein Neuanfang wird und kein neuer Reinfall. Ich vertrödel die Tage und habe jeden Tag mehr das Gefühl, einzugehen, wie eine Pflanze, die man vergessen hat zu gießen. Ich möchte nicht in Selbstmitleid verfallen, aber in letzter Zeit fällt es mir sehr schwer, dies nicht zu tun. Ich bin dankbar für meine Familie, für meinen Studienplatz, für all das, aber ich kann es nicht wirklich genießen, weil ein wichtiger Teil in mir fehlt, er ist zu Ende gegangen, einfach so, und egal, wie oft ich auf Replay drücke, er lässt sich nicht wieder herstellen. Möglicherweise ist er irgendwo in den Tiefen meines Körpers, möglicherweise braucht er ein ganz spezielles Signal, aber nach mehrmaligen Probieren musste ich feststellen, dass ich nicht in der Lage dazu bin, diesen Teil wieder zu reaktivieren. Also muss ich wohl damit leben, dass da etwas in mir zu Ende geht, genau so wie ich akzeptieren muss, dass The Drums Album in 24 Minuten schon wieder zu Ende gehen wird. So ist das Leben. Alles geht irgendwann zu Ende. Alles hat ein Ende. So schwer es mir auch fällt, das zu akzeptieren.

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Ein Kommentar zu „We, we’re lost, in this world of pain

  1. „When one door closes, another opens; but we often look so long and so regretfully upon the closed door that we do not see the one which has opened for us.“
    (Alexander Graham Bell)

    Stell Dir vor, eine gute Fee käme, und würde Dir folgendes Angebot machen: Wünsch Dir eine Zahl von Jahren, die Du Dein „altes“ Leben weiterleben möchtest wie bisher. Wieviele Jahre würdest Du Dir wünschen? Eins? Zehn? Fünfzig?

    Das entscheidende Problem dabei wäre: Du würdest Dich nicht mehr nennenwert weiterentwickeln. Genau das ist aber meiner Ansicht nach ein wesentlicher (vielleicht sogar *der* wesentliche) Grund, weshalb wir überhaupt auf dieser Welt sind. Einige der glücklichsten Momente meines Lebens waren Situationen, wo ich feststellte: „Hey, ich bin mehr, als ich dachte, dass ich bin!“. Das geht aber nur, indem man sich neuen und völlig anderen Herausforderungen stellt. Eine Schulprüfung in Englisch ist eine Sache, einen unvorbereiteten — weil jemand verpennt hat, es Dir rechtzeitig mitzuteilen — Kurzvortrag zu einem komplizierten technischen Thema in San Francisco vor 40 US-Managern zu halten, eine andere.

    Es ist wunderbar, wenn man aus einer bestimmten Lebensphase schöne Erinnerungen mitnehmen kann. Aber diese Erinnerungen gewinnen durch ihre Besonderheit, nicht durch immerwährende Wiederholung. Eine Freundin (im Sinne von Freundschaft, nicht im Sinne von Beziehung) von mir bekam vor einigen Jahren eine Deutsche Dogge geschenkt. Sie war noch sehr jung, und  ich hatte sie oft auf dem Schoss, und habe sie längere Strecken getragen, weil sie wegen den empfindlichen Gelenken noch nicht so viel laufen durfte. Ich verbinde viele schöne Erinnerungen mit dieser Zeit. Ungefähr ein Jahr später wog sie über 80 kg, konnte mir im Stehen (ich bin sehr gross) die Pfoten auf die Schultern legen, und hat mir einmal vor lauter Begrüssungsfreude eine schwere Lederjacke im Stil von Bruce Lee’s Todeskralle zerfetzt ;-) Was ich damit ausdrücken möchte ist: Die Erinnerungen an die Zeit, wo sie klein war, gewinnen ganz erheblich dadurch, dass sie nicht immer klein geblieben ist. Erinnerungen funkeln wie Diamanten um so mehr, je mehr Facetten sie haben.

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