Versuche

We are what we choose to be


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Ob sie allein war oder ob sie in Gesellschaft war, das war voll und ganz bedeutungslos für sie, denn schlecht fühlte sie sich immer. War sie allein, so fühlte sie sich schlecht, weil sie unfähig war, soziale Kontakte zu knüpfen und aufrechtzuerhalten, es gab ihr sogar das Gefühl, nicht liebenswürdig genug zu sein, sodass kein Mensch jemals in der Lage sein würde, sie zu akzeptieren, geschweige denn zu mögen. Und war sie in Gesellschaft, so hatte sie pausenlos Angst, sich zu blamieren oder sie maß sich mit den anderen Beteiligten, nur um festzustellen, dass sie ihnen in allen Punkten maßlos unterlegen war. Sie war nicht klug, sie war nicht charmant, sie war nicht gesprächig und vor allen Dingen war sie nicht hübsch und das alles war ihr nur allzu deutlich bewusst, weswegen sie sich immer in dem unangenehmen Zwiespalt befand, nicht zu wissen, wohin sie gehörte und ob sie nicht doch vielleicht für immer allein bleiben musste.

Abends saß sie stets auf ihrem großen Fensterbrett, es war ein breites Fensterbrett, sogar mit Kissen und ihre Lieblingsbücher reihten sich auf der Fensterbank, in alphabetischer Reihenfolge, es war ihr wichtig, dass alles geordnet war, ihre Bücher, ihre Kleidungsstücke, ihre Schallplattensammlung, nur ihre Gedanken konnte sie nicht einmal für fünf Minuten sammeln und irgendwie sortieren, ihre Gedanken waren zu schlüpfrig und immer, wenn sie dachte, sie hätte einen gefasst, war er schon wieder ungreifbar weit weg und ließ sich nicht mehr fassen. Und weil sie nun eben ihre Gedanken schon nicht fassen konnte, wollte sie wenigstens gerne ihre Umgebung geordnet haben und dazu gehörte, dass alles nach Alphabet oder Farbe gruppiert war. Weil sie es nicht einmal leiden konnte, dass ihre blonden Haare, die in den verschiedensten Blondtönen schimmerten, unterschiedlich leuchteten, hatte sie sich ihren Schopf kurzerhand einheitlich schwarz gefärbt und nun war, neben den unsortierbaren Gedanken nur noch das Problem ihrer Sommersprossen, die ohne erkennbares Muster ihre Haut küssten und ihre ganze Ordnung durcheinander brachten.

Weshalb es ihr zudem schwer fiel, sich in Gesellschaft zu befinden, war die Tatsache, dass sie sich schwer verständigen konnte, sagte sie etwas, nahm sie entweder keiner wahr oder alle richteten ihre gesamte Aufmerksamkeit auf sie, was ihr in ihrer ruhigen Art natürlich gar nicht behagte und dazu führte, dass sie alle möglichen Wortkombinationen des Alphabets herausbrachte, nur nicht jene, die in irgendeinem sinnvollen Zusammenhang stehen würden oder die überhaupt in einer Gesellschaft von Menschen angebracht sein würden. Aber meistens kam es gar nicht erst dazu, dass sie etwas sagte, denn nichts, was sie sagte war von Bedeutung, so hatte sie zumindest das Gefühl, alles war unwesentlich, sie hatte keine spannenden Erfahrungen oder Anekdoten aus ihrem Leben zu erzählen und über Bücher oder Musik zu reden war meist überflüssig, da die Menschen, mit denen sie zusammen war, kein Interesse an solchen Dingen zeigten und sie, die sie doch ohnehin schon die Sonderbare war, noch sonderbarer sein würde, wenn sie nur darüber anfing, über eben jene Dinge fachsimpeln zu wollen.

Was sie am meisten darüber stutzen ließ war es, dass Bücher und Musik die wichtigsten Dinge in ihrem Leben waren und sie nicht begreifen konnte, dass diese Dinge für andere Menschen nicht dieselbe Bedeutung und nicht denselben Status und Wert im Leben hatten. ‚Wenn die Menschen doch nur mehr lesen und hören würden‘, so dachte sie oft, ‚dann wäre diese Welt auch nicht so laut und falsch, die Menschen würden einander viel besser verstehen, wären empathischer und würden vielleicht auch begreifen, dass es nun einmal ruhige Menschen gibt und laute, aber alle würden sich zumindest akzeptieren und respektieren.‘ Aber nein, die Menschen waren hektisch und laut und durcheinander und nahmen sich nie die Zeit, um irgendetwas zu sortieren, nicht einmal wichtig und unwichtig konnten sie auseinanderhalten und das war auch der Grund, weshalb sie von Menschen schnell genervt war, bis ihr wieder einfiel, dass nicht die anderen, sondern sie eigenartig und anders sein musste, denn während es für all die anderen Menschen ein Kinderspiel zu sein schien, sich in die Gesellschaft zu integrieren und sich mehr oder weniger normal zu benehmen und den Alltag zu meistern, saß sie auf einem Kissen auf ihrer Fensterbank, schaute in den dämmrigen Abendhimmel und löste sich in kompletter Bedeutungslosigkeit auf.

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