Bücher

Leo Tolstoi: „Anna Karenina“


„I love you.“ „Why?“ „You can’t ask why about love.“

via

Inhalt: Anna Karenina ist neben Effi Briest und Madame Bovary die wohl berühmteste Ehebrecherin der Weltliteratur. Glücklos mit einem hohen Beamten verheiratet, verfällt die bezaubernde, kluge und sanftmütige Anna dem jungen Offizier Graf Wronski in unwiderstehlicher Liebe. Eine leidenschaftliche Affäre, die sie weder vor ihrem Mann noch vor der Gesellschaft verheimlicht, nimmt ihren Lauf. Anna Karenina ist bereit, dieser Liebe alles zu opfern…

Meinung: Ich habe den wohl schlimmsten Fehler gemacht, den man sich als angebliche Bücherliebhaberin eigentlich nur leisten kann: Noch ehe ich das Buch gelesen habe, war ich im Dezember in der Neuverfilmung von ‚Anna Karenina‘. Um den äußerst gelungenen Film soll es hier jedoch nicht gehen, nur eins sei gesagt: Die 130 Minuten mit Keira Knightley und Aaron Johnson haben mir das Buch, welches ohnehin schon seit längerem auf meiner ‚to-read‘-Liste stand, noch schmackhafter gemacht und so schenkte man mir zu Weihnachten den Wälzer und ich war endlich glücklich – aber auch endlos erdrückt von 991 Seiten. Ein so dickes Buch hatte ich lange nicht mehr gelesen und auch die Tatsache, dass es sich bei ‚Anna Karenina‘ um einen Klassiker handelte, vereinfachte dies nicht, sind solche doch bekanntlicherweise immer etwas anspruchsvoller geschrieben und erfordern einen größeren Teil meiner Aufmerksamkeit beim Lesen.

Dicke Bücher schüchtern mich immer etwas ein. Oder nein, sagen wir anders, dicke Klassiker schüchtern mich immer etwas ein. Leo Tolstoi schüchterte mich ein. Jetzt natürlich nicht mehr. Nach ‚Anna Karenina‘ war ich sogar so wagemütig, ‚Krieg und Frieden‘ auf meine Leseliste zu setzen und das, obwohl ich vor dem Buch noch mehr Respekt habe. Aber ich glaube, es ist nicht verkehrt, Tolstoi zu lesen. Weil er (zumindest in ‚Anna Karenina‘) so viel mehr vermittelt, als nur russische Liebeleien und Techtelmechtel. Weil er den moralischen Aspekt voranstellt, die Handlung künstlerisch mit seinen Worten umwebt und uns mit seinen Worten in der russischen Welt während des Realismus gefangen nimmt. Weil er uns bereits mit dem ersten Satz neugierig auf das Kommende macht. „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“

Trotz all meiner Ängste und Vorbehalte, wagte ich mich Anfang Januar an das Buch, an das ich doch so hohe Erwartungen hatte. Ich hatte ja schon vorher prophezeit, dass es schleppend vorangehen würde, tatsächlich lag es jedoch nicht an der Sprache, die für einen Klassiker übrigens das absolut gelbste vom Ei war, nein, es lag viel eher an dem ungünstigen Zeitpunkt, den ich mir für dieses Buch ausgesucht hatte. Uni fing wieder an, der Haushalt erledigt sich bekanntlich auch nicht von selbst und Abends fällt man nach einem langen Tag einfach nur todmüde ins Bett und schläft nach spätestens fünf Kapiteln über den Seiten ein.

Annas Geschichte hat mich von Anfang an eingenommen. Natürlich, Anna ist eine kluge und bezaubernde Frau, anmutig und liebenswürdig, von allen geliebt und gelobt, ein absolutes Goldstück. Dass sie sich in Alexei Wronski verliebt, der im Gegensatz zu ihrem strengen und pflichtbewussten Ehemann Alexei Alexandrowitsch ein aufregender  und attraktiver Offizier ist, der Anna seit ihrer ersten Begegnung absolut vergöttert, kann man der jungen Frau nicht verdenken. Ebenso wenig kann man ihr verdenken, dass sie mit ihm durchbrennt und ein neues Leben beginnen will – das Drama: sie muss ihr altes Leben komplett hinter sich lassen, gilt als gesellschaftlich Geachtete und verliert nicht nur ihren sozialen Status sondern auch ihren geliebten Erstgeborenen Sergei.

Nicht bloß, dass die Sprache paradiesisch war, nein, ich konnte mich richtig hineinfühlen in die russische Seifenoper des 19. Jahrhunderts. Und daran waren nicht nur Anna und Wronski beteiligt, nein, denn neben ihrer Geschichte wurden auch noch jene einiger Personen in ihrem Umfeld immer wieder mit eingeflochten und weiter ausgeführt, insbesondere die zauberhaufte Liebesgeschichte zwischen Ljewin und Kitty oder die Ehe der Oblonskis, die ebenfalls alles andere als eine Vorzeigeehe ist. Tolstoi hat es geschafft, diesen Figuren Leben einzuhauchen, ihnen einen Wiedererkennungswert zu geben, ihnen unverkennbare Eigenschaften zu überlassen, die die jeweilige Person perfekt charaktisierten. Ich glaube es ist nicht gelogen, wenn ich sage, dass ich selten ein so schönes Buch gelesen habe, in dem die Charaktere so eindeutig erkennbar und unterschiedlich waren. Ich habe mich regelrecht in ihre Beschreibungen verliebt, genauso wie in die inneren Monologe, die immer wieder geführt wurden, genauso wie in die anderen Gespräche und Gedanken, an denen uns Tolstois russische Gesellschaft teilhaben ließ.

So lieb ich die Charaktere auch alle gewonnen habe und so sehr mich die Geschichten der anderen Figuren auch berührten und interessierten – ein bisschen traurig war ich nach dem Zuschlagen des Buches schon. Zum einen natürlich, weil ich immer traurig bin, wenn sich ein Buch dem Ende zuneigt, zum anderen war ich enttäuscht davon, dass dieser Roman, der ja doch ‚Anna Karenina‘ hieß, recht wenig über die Person Anna Karenina erzählte. Natürlich zog sich ihr Schicksal durch viele der 991 Seiten, aber ich hatte das Gefühl, dass der Anteil, in dem andere Charaktere den Hauptteil übernahmen, größer war als der, in dem Anna persönlich auftrat. Ich hätte vor allem im Mittelteil mehr von ihr lesen wollen und war ziemlich frustriert, dass das Buch weder mit ihr angefangen, noch mit ihr aufgehört hat. Außerdem fand ich es schade, dass ihre letzten Gedanken und Tage in so wenig Seiten gequetscht wurden. Sagen wir mal so: Ich habe von einem Buch, das ‚Anna Karenina‘ heißt, einfach mehr Anna Karenina erwartet.

Nichtsdestotrotz: ‚Anna Karenina‘ ist ein Klassiker, ein Meisterwerk. Hat mich der Film nicht schon umgeworfen, spätestens das Buch dazu hat es geschafft. Ich empfehle das Buch uneingeschränkt weiter (auch wenn ich glaube, dass ich bis jetzt sowieso die einzige war, die es noch nicht gelesen hat), an Jung und Alt, Weiblich und Männlich, Leseratte und Bücherabstinente. Und jeder, der nicht mindestens genauso begeistert ist wie ich, hat beim Lesen irgendwas übersprungen oder falsch gemacht. Dieses Buch kann man nur lieben. Es geht gar nicht anders. Es ist fantastisch und großartig und ich bin mehr als glücklich darüber, dass ich das Lesejahr 2013 mit diesem wunderbaren Buch eröffnen durfte. So kann es gerne weiter gehen.

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