Versuche

We find ourselves in the things we love


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Ich lasse mich seufzend auf meine ausgeblichene Couch fallen, während meine Augen noch immer auf den Display meines Mobiltelefons geheftet sind. „Ich kann heute doch nicht, tut mir Leid. S.“ steht dort und ich kann nicht fassen, dass du mich schon wieder versetzt. Und dass du dir dieses Mal nicht einmal mehr die Mühe machst, dir irgendeinen Grund für deine Absage aus den Fingern zu saugen. Jede deiner ausgedachten Begründungen wäre mir lieber gewesen, als die Ungewissheit, was dir heute den Fuß zwischen Tür und Schwelle gesetzt hat, was dich davon abgehalten hat, zu mir vorbei zu kommen. Ich lege mein Mobiltelefon seufzend auf das Sofa und nehme stattdessen den Blumenstrauß, den ich dir gekauft habe. Einen Strauß mit Tulpen in den verschiedensten Farben, so wie du es am liebsten magst. Auf dem Tisch liegt, eingepackt in Seidenpapier, eine Kette, die ich dir gekauft habe. Eine Kette, die an Schlichtheit nicht zu übertreffen ist, ein einfaches Silberband mit einem klitzekleinen Herzanhänger, nicht kitschig oder romantisch, sondern ganz simpel, ganz einfach, so wie du es am liebsten magst. Ich überlege, was ich mit den Tulpen anstellen soll,  ob ich sie dem Müllschlucker überlasse, oder ob ich sie in einer Vase auf meinem Wohnzimmertisch aufstelle, quasi als Symbol dafür, dass du mich schon wieder versetzt hast und dass auch noch ohne einen Grund, ohne eine Erklärung. 

Ich schalte den Fernseher ein, dort läuft gerade ein Klatschprogramm, irgendeine dämliche Sendung, die mir von den schrecklichsten und unerwartetesten Prominenten-Trennungen erzählt, aber das will ich gar nicht sehen, also seufze ich und schalte um, aber das Nachmittagsprogramm hat mir noch nie gefallen und deswegen schalte ich resigniert wieder ab, weil ich es nicht ertragen kann, sechzehnjährige Teenager dabei zu beaobachten, wie sie schwanger werden und ihre Kinder aufziehen und ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen. Ich bin rastlos und weiß nicht was ich tun soll, nehme das Handy wieder in die Hand und seufze, weil sich die Nachricht von dir nicht plötzlich in ein ‚Bin gleich da. S.“ umgeformt hat. Ich überlege, dich anzurufen, aber ich weiß, dass du nicht gerne telefonierst und dann überlege ich, ob ich einfach bei dir vorbeifahren soll, aber ich weiß, dass du unangekündigte Besuche nicht magst. Ich antworte dir stattdessen einfach. „Schade, ich hatte mir etwas ganz besonderes für heute einfallen lassen. Lass mich wissen, wann du Zeit hast, dann holen wir das nach. M.“ Ich weiß, dass du mir nicht Bescheid geben wirst, ob und wann du Zeit hast, weil du das nie machst. Ich bin derjenige, der ein neues Treffen vorschlägt und du wirst einwilligen und schreiben, wie sehr du dich darauf freust und wie sehr du hoffst, dass es dieses Mal klappen wird und dann, eine Stunde vor dem ausgemachten Zeitpunkt, wirst du wieder mit einer Ausrede ankommen und ich werde nicht weiter nachfragen, sondern wieder dasselbe antworten, was ich dir immer schreibe. Ich möchte dich nicht einengen, ich möchte dich auch nicht verlieren, alles, was ich möchte, ist ein bisschen Zeit mit dir und dass das augenscheinlich nicht funktioniert, entlockt mir einen weiteren Seufzer. Zeit ist das kostbarste Geschenk, was du mir überlassen kannst und dennoch schaffst du es nicht, es mir mit ein wenig Geschenkpapier und Geschenkband zu überreichen.

Mein Mobiltelefon vibriert, ich wage mich gar nicht nachzusehen, was du geantwortet hast, aber mich beschleicht ein unangenehmes Gefühl, irgendetwas, das mir sagt, dass gerade etwas unheilvolles und ungewolltes geschieht. Meine Hände greifen langsam nach dem winzigen Gegenstand, der möglicherweise eine Hiobsbotschaft enthalten könnte und gleichzeitig frage ich mich, ob mein Gefühl mich nicht auch trügen könnte. Ich hasse die Kommunikation über diese winzigen Smartphonedinger, ich möchte ein Gesicht vor mir haben, wenn ich mich mit jemandem austausche. Schlechte Nachrichten sollten immer auf altmodische Weise überbracht werden, aber vielleicht sind Handys im Zeitalter von Tablets, Netbooks und hochspezialisierten Smartphones auch schon altertümlich, was weiß ich schon. Ich gebe mir einen Ruck und nehme das Handy in die Hand. Ein winzig kleiner Briefumschlag blinkt auf dem Display und ich wundere mich darüber, wann ich meinen letzten Brief bekommen habe, einen richtigen Brief, geschrieben auf Papier, mit einer Briefmarke drauf und nicht vom Stromanbieter oder Telefonfuzzi. Ich kann mich nicht erinnern und das stimmt mich irgendwie trauriger als die Tatsache, dass es dort draußen sechzehnjährige Teenagermütter gibt, die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen. Ich seufze und überlege, wie oft ich in der letzten Viertelstunde geseufzt hat, es war wohl ziemlich oft und das entlockt mir einen weiteren Seufzer.

Ich schaue auf das Display und natürlich ist es eine Nachricht von ihr, ich wusste es. „Es tut mir Leid, dass ich dich so unfair behandelt habe. Ich bin mir sicher, du hast mir einen Tulpenstrauß gekauft und ich möchte nicht, dass er umsonst verwelkt. Magst du heute Abend zu mir kommen, ich koche und leihe eine DVD für uns aus. S.“ Ich seufze. Und stelle zugleich fest, dass es auch Seufzer gibt, die sich nicht schwer und bedrückend anfühlen, sondern die für Freiheit und Erleichterung in meiner Seele sorgen. Seufzer, die alle Zweifel beiseite wischen, die schlechten Dinge vergessen lassen und darauf hoffen lassen, dass es besser wird. Seufzer, die den Pessimist in mir ertränken und dafür einen Optimisten oder zumindest einen Realisten ans Ufer ziehen und wieder zu Bewusstsein verhelfen. Ich überlege nicht lange, was zu antworten ist, sondern sende ihr einfach nur ein , was ihr vielleicht zu kitschig sein wird, in mir aber eine unnatürliche Befreiung hervorruft, die ich mit ihr teilen möchte. Ich muss kurz an die sechzehnjährigen Teenagermütter denken, die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen und ich wünsche ihnen in diesem Moment, dass es dort draußen in der weiten Welt auch irgendjemanden gibt, der ihnen ein Herz schickt. Ich hoffe es sehr.

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Ein Kommentar zu „We find ourselves in the things we love

  1. Hab gerade das neue Design gesehen. Ich finde es ehrlich gesagt ein wenig zu kitschig…. Da fand ich das alte besser! Experimentiert du noch, oder hast du dich schon endgültig entschieden?
    Gruß

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