Sowas wie Liebe · Versuche

Your value doesn’t decrease based on someone’s inabilty to see your worth


//via

Sie saß in der S-Bahn, das Abteil war fast ganz leer, was nicht ungewöhnlich war, sie sah auf die Uhr und es war schon fast vier, vier Uhr morgens, und sie befand sich auch nicht in einer Klubgegend, weshalb sie sich die Sitze tatsächlich nur mit einer alten Dame, die eine knallgrüne Krokodilledertasche bei sich trug und einem Obdachlosen, der auf den Sitzen so etwas wie Schlaf suchen wollte, teilen musste. Das war ihre Lieblingsuhrzeit, sie fuhr ohnehin gerne mit der S-Bahn, aber wenn es so leer und still und halbdunkel war, war es immer am schönsten, sie hörte dann immer Musik, weil es doch schöner war als das S-Bahn-Gedüdel und sie dachte nach und sie sah aus dem Fenster, obwohl dort draußen nichts als Dunkelheit war, aber es war irgendwie entspannend, entspannter jedenfalls als die Yoga-Kurse zu denen K. sie immer wieder mitschleppen wollte und die nichts weiter als zahlreiche Lachkrämpfe mit sich brachten, wenn sie sich wieder in die unsinnigsten Positionen verbiegen sollte und ihren nicht vorhandenen Gleichgewichtssinn verfluchte. „Du hast deine innere Mitte halt noch nicht gefunden“, pflegte K. dann immer zu sagen und sie dachte, dass das irgendwo stimmte, sie hatte ihre innere Mitte noch nicht gefunden und sie wusste auch nicht, ob man sie wirklich finden konnte und selbst wenn, wie sollte man sie erkennen, wie sieht so eine innere Mitte denn aus? „Eine Schnitzeljagd bitte, um meine innere Mitte zu finden“, das klang lustig und irgendwie auch traurig, weil nichts im Leben einer Schnitzeljagd gleicht, alles muss gleich immer um ein vielfaches komplizierter sein, wie ein Dutzend Wollknäule, die sich ineinander verheddert haben und die man nicht mehr ohne weiteres auseinander bekommt.Wahrscheinlich findet man die innere Mitte eher dann, wenn es einem gelungen ist den Wollknäuelsalat zu entwirren, vielleicht ist das eine Frage der Geduld und des Fingerspitzengefühls, ganz bestimmt hat es irgendetwas mit Gefühlen zu tun.

Der Obdachlose schnaufte in seinem Halbschlaf und die alte Dame zog ein Paar knallgrüne Krokodillederhandschuhe aus ihrer knallgrünen Krokodilledertasche und verließ die S-Bahn an der nächsten Haltestelle. Hinzu stieg niemand, es war ja auch schon fast vier und um diese Uhrzeit stiegen selten Leute hinzu, jedenfalls in dieser Gegend. Sie schloss die Augen in dem Moment, als sich auch die S-Bahntüren wieder schlossen und sie dachte an weise Worte, die irgendein kluger Araber vor tausenden von Jahren einmal gesagt haben sollte, irgendetwas, dass man sich auf niemanden verlassen kann, nicht einmal auf seinen eigenen Schatten, denn selbst der verließe einen in der Dunkelheit und sie fragte sich, ob so viel Misstrauen wohl gesund sei und ob es sie nicht entlasten würde, sich irgendwem anzuvertrauen und so. Aber eigentlich hatte sie auch gar keine Lust über so etwas nachzudenken, die einzige Person, mit der sie ab und zu solch ernsthafte und vertrauliche Gespräche führte war K. und auf K. konnte man sich immer verlassen, selbst wenn sie einen Haufen zu tun hat und fast in ihren eigenen Problemen unterging, nahm sie sich immer die Zeit zuzuhören und wenn K. mal doch keine Zeit hatte, dann malte sie alles auf, was sie beschäftigte. Sie hatte auch schon einmal versucht, ihre Gedanken in Worte zu fassen, aber Worte waren etwas so unfassbares manchmal, sie entgleiten einem schnell, kehren das Geschriebene oder Gesagte ins Gegenteil um oder schaffen es einfach nicht, dass was sie dachte auf den Punkt zu bringen. K. sah sich manchmal ihren Skizzenblock durch und wenn sie das tat, wusste sie immer genau, wie sie sich fühlte und was ihr im Kopf herumspukte und sie empfand es auch nicht als Bruch der Privatssphäre, weil K. ruhig alles wissen durfte. Manchmal wusste sie wirklich nicht, was sie ohne K. machen würde.

Ihr Handy vibrierte in ihrer Tasche, einmal kurz. Sie nahm es heraus, es war ein altes, sehr klobiges Teil, dass irgendwie aus ihrer frühpubertären Zeit übrig geblieben war und dass sie unter keinen Umständen hergeben würde, auch wenn es weder Internet noch eine Kamera besaß. Es war eine Art Erinnerungsstück, ein Teil ihres persönlichen Museums, das zu ihr gehörte und irgendwie auch passte. Sie freute sich immer diebisch, wenn sie eine kurze Textnachricht erhielt, es war ein Zeichen dafür, dass es doch jemanden gab, der zumindest kurz an sie gedacht hat und sie das wissen lassen wollte, auch wenn sie für gewöhnlich  nur Nachrichten von K. oder von ihrem Therapeuten bekam, es war trotzdem ein schönes Gefühl. Sie ahnte, dass dies eine Nachricht von K. sein würde, das war ihre Aufstehzeit und sie wunderte sich sicherlich schon wieder wo sie blieb. Sie würde es nie begreifen können, diese Rastlosigkeit, diese Unfähigkeit sich einfach ins Bett legen und schlafen zu können, wo einem doch tausende von Gedanken durch den Kopf schwirrten und durcheinandergingen. „Ich vermisse dich.“ stand dort, ganz simpel und einfach und schön und sie spürte dass sie K. auch vermisste, sehr sogar. Sie dachte daran, dass K. den besten Kaffee kochte, das bequemste Bett hatte und am schönsten massierte, sie dachte daran, dass heute wieder der Yoga-Kurs war und sie dachte daran, dass K. und sie nach dem Yogakurs immer die leckerste Pizza essen gingen und manchmal gingen sie dann auch noch ins Kino, nur damit K. sich wieder maßlos über die elendig lange Werbung und Kinovorschau aufregen konnte und sie dachte daran, wie schön und einzigartig jeder einzelne Sonnenuntergang vom Fenster der S-Bahn aussah und vor allem dachte sie daran, dass es gut so war, wie es war und dass es jedesmal die beste Entscheidung war, sich in die Bahn zu setzen, statt die Augen zu schließen und sich einfach auf das Gleis zu legen.

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Ein Kommentar zu „Your value doesn’t decrease based on someone’s inabilty to see your worth

  1. So wie Sonnenuntergänge in der S-Bahn schön sind, sollte man möglichst bei nacht nicht die Fenster der S-Bahn von innen betrachten. Die blasse Spieglung des Wagoninneren macht nämlich alle Menschen noch häßlicher, als sie es besoffen um 3 Uhr nachts eh schon sind.

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