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Haruki Murakami: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“


Mit Murakami macht man bei mir niemals etwas falsch. Das dachte sich wohl auch mein Freund, als er mich am Valentinstag mit Murakamis aktuellem Roman überraschte (-und dass, obwohl wir eigentlich vereinbart hatten, dass wir uns nichts zum Valentinstag schenken wollen – Verräter!). Nachdem meine Klausuren vorüber waren, schnappte ich mir dann sofort das Buch und versank in Murakamis neusten Wortschöpfungen, tauchte aber leider nicht ganz so begeistert wie sonst wieder auf.

UnbenanntInhalt: Tsukuru Tazaki blickt im Alter von 36 Jahren auf ein entgleistes Leben zurück. Freunde, Heimat, Liebe sind nur leere Worte für ihn. Seine Mitmenschen bleiben ihm fremd, allenfalls für Bahnhöfe und Züge bringt er ein vages Interesse auf. Als er Sara kennenlernt, öffnet er sich zum ersten Mal seit langem einer anderen Person. Die Geschichte, die Tsukuru ihr erzählt, ist die Geschichte eines Verstoßenen. Sie handelt von Geborgenheit und Grausamkeit, Vertrauen und Verrat. Sara ist erschüttert. Wenn ihre Liebe eine Chance haben soll, beschwört sie ihn, dann muss er sich auf eine Reise in die Vergangenheit begeben. Und so macht er sich auf die Suche nach vier Farben in Gestalt von vier alten Freunden, die ihm einst eine tiefe Wunde zugefügt haben.

Meinung: Ich glaube, das war der erste Roman von Murakami, der mich nicht vom Hocker gerissen und völlig begeistert hat, so wie seine Vorgänger es stets taten. Ich muss gestehen, ich war sogar enttäuscht, als ich die letzte Seite gelesen hatte, nicht, weil ich es so gut fand und traurig war, dass es zu Ende ging, sondern weil ich so viel mehr erwartet hätte, nach all den Lobeshymnen, die über dieses Buch gesungen wurden.

Es war schon ein ‚richtiger‘ Murakami, daran lag es nicht, aber ich hatte das Gefühl, es handele sich um eine ziemlich langweilige und farblose Variante seiner selbst. Das Buch war keinesfalls schlecht und ich würde mich auch nicht abfällig darüber äußern wollen, es hat mich schon irgendwie gefesselt und ich habe es auch gerne gelesen, aber es fehlte das typisch murakamische, dieses fantastische, surreale Element, dass er gerne in seine Geschichten einbaut. Vor allem das Ende war die pure Enttäuschung für mich, weil ich die ganze Zeit daran geglaubt hatte, dass jetzt noch irgendetwas völlig überraschendes ans Licht kommen würde, aber es passierte einfach gar nichts mehr, es war fade und lief für mich gewissermaßen ins Leere.

Nichtsdestotrotz begeisterte mich die Geschichte an sich schon – Murakami hat wie eh und je viele Geheimnisse und Fragen offen gelassen, er hat die banalsten Handlungen des Protagonisten so spannend und angenehm erzählt, als würde dieser gerade die Welt retten, statt bloß seine Wäsche aufzuhängen, er hat wunderschöne Gedanken in den Roman eingebettet und er hat abermals bewiesen, dass er fantastisch mit Worten arbeiten kann, dass es ihm wie keinem anderen gelingt, einen unglaublich behaglichen und harmonischen Lesefluss zu erzeugen, dass man das Buch gar nicht mehr weglegen mag, auch wenn gerade nichts sonderlich spannendes passiert. Ich liebte die Charaktere, die Murakami gezeichnet hat – kein anderer versteht es, mit einer solchen Selbstverständlichkeit und Einfachheit die interessantesten Charaktere zu erschöpfen und uns an ihren Gedanken teil haben zu lassen, jede Person klar umrissen, sodass man eigentlich denkt, man wüsste, was diese als nächstes tun würde und dann wird man doch wieder eines besseren belehrt.

Fazit: Im Gesamtpaket muss ich leider sagen, dass es nicht Murakamis bester Roman war, zumindest in meinen Augen gibt es von ihm um Längen bessere Geschichten und nicht nur Herr Tazaki war farblos, sondern auch der Roman an sich. Eventuell habe ich meine Erwartungen an dieses Buch auch einfach zu hoch geschraubt, aber trotz allem – es hat einfach etwas gefehlt, vielleicht lag es auch an der Länge des Buches, die mit 318 Seiten ja schon recht knapp bemessen ist, vielleicht lag es am fehlenden Surrealismus, vielleicht lag es auch an mir selbst und meinen Anforderungen an das Buch. Würde man mich fragen, ob ich das Buch weiterempfehlen würde – ich wüsste es nicht und finde es generell ohnehin schon immer schwierig, Murakamis Romane weiterzuempfehlen, weil sie irgendwo speziell und nicht jedermanns Ding sind. Gerade die Tatsache, dass Murakami bewusst bestimmte Fragen ungeklärt lässt, könnte viele Leser auf die Palme bringen und ihr persönliches Lesevergnügen zerstören. Sagen wir so: Für eingefleischte Murakami-Fans, zu denen ich mich schon zählen würde, ist dieser Roman ein Muss, einfach des Schreibstils wegen und auch der Geschichte wegen, weil man trotz allem einige wertvolle Dinge aus dem Roman ziehen kann, wenn diesem auch ein wenig an Farbe fehlt. Personen, die noch nie einen Murakami gelesen haben, würde ich jedoch zunächst eher einen anderen seiner Romane empfehlen und nicht sein neustes Werk – eben weil ich finde, dass dieser nicht ganz so rund geworden ist, wie ich es von Murakamis Werken gewohnt bin und weil es Bücher von ihm gibt, die ich wesentlich lieber mag, als „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“.

Wie steht ihr zu Murakami? Habt ihr sein neustes Werk schon gelesen oder werdet ihr mit seinem Schreibstil nicht wirklich warm? Die Meinungen zu seinem literarischen Können gehen dort ja wirklich stark auseinander.

[Ich würde so gerne noch einige Zitate anfügen, weil es wirklich viele schöne Worte gab, die Murakami in diesem Roman mit einfließen ließ, aber weil das Buch nagelneu war, wollte ich nicht gleich ganze Passagen unterstreichen und die Zettel, die ich mir an die passenden Stellen gelegt hatte sind leider alle rausgefallen, als mir das Buch aus dem Regal fiel. Deswegen leider keine Zitate, nächstes Mal benutze ich Klebezettelchen, wenn mir Textstellen besonders gut gefallen.]

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Ein Kommentar zu „Haruki Murakami: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“

  1. Ich hab‘ bis jetzt noch kein Buch von Murakami gelesen, bin aber schon öfter über seine Bücher gestolpert. Welches seiner Bücher würdest du denn für Murakami-Neulinge empfehlen? :)

    Liebe Grüße!

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