Persönliches · Sowas wie Leben

Learn to say ’no‘ without explaining yourself


8Es gibt vieles, was ich noch lernen möchte. Ich kann beispielsweise keinen Kopfstand – und erst recht keinen Handstand -, habe seit über drei Jahren ein Schwedisch-Sprachlehrbuch in meiner Schublade zu liegen, würde mich unglaublich gerne mal so richtig mit Yoga und Pilates auseinandersetzen, weiß kaum etwas über Informatik und Co und habe generell permanent das Gefühl, dass meine Allgemeinbildung etwas auf der Strecke geblieben ist. Es gibt jedoch noch etwas, das ich dringend einmal lernen muss: ‚Nein‘ zu sagen. Obwohl, das kann ich mittlerweile eigentlich schon recht gut. Vielmehr müsste ich lernen, ‚Nein‘ zu sagen, ohne mich stundenlang rechtfertigen zu müssen oder zu erklären, warum ich denn jetzt ausgerechnet ‚Nein‘ gesagt habe.

Es gibt einfach Menschen, die akzeptieren dein ‚Nein‘ nicht, sind tage- oder gar wochenlang nachtragend oder reden überhaupt kein Wort mehr mit dir. Ganz gleich worum es geht – ob man es ablehnt bei irgendetwas behilflich zu sein oder irgendwo zusammen hinzugehen – nie wird ein ‚Nein‘ einfach so hingenommen, immer muss man sich seitenlang entschuldigen und ganz genau und explizit aufzählen, warum genau man denn nicht kann oder mag und selbst diese seitenlange Erklärung bedarf noch einer weiteren Erklärung, weil es Menschen gibt, die dich, deine Begründung und damit zusammenhängend auch irgendwo dein Wesen oder Privatleben nicht akzeptieren mögen und immer und immer wieder versuchen , dich noch umzustimmen oder dir bestenfalls das Gefühl zu geben, du seist ein schlechter Mensch und müsstest jetzt bis an dein Lebensende mit einem schlechten Gewissen leben. Dieses Phänomen ist mir schon allzu häufig aufgefallen – ich bin gewissermaßen eine ziemlich gute ‚Nein‘-Sagerin, aber was mir so zu schaffen macht sind die damit zusammenhängenden Ausführungen zum ‚wiesoweshalbwarum‘. Ich habe bei jeder Person, der ich ein kraftvolles ‚Nein‘ entgegenschmettere im Anschluss daran sofort das Bedürfnis danach, mich dafür entschuldigen zu müssen und ganz genau darzulegen, wie es zu meinem ‚Nein‘ kommt und warum es so unerschütterlich im Raum steht. In manchen Angelegenheiten gebietet es ja auch der Anstand und die Höflichkeit, nähere Ausführungen dazu zu machen, gerade im Freundeskreis finde ich aber, dass ein ‚Nein‘ einfach auch mal als ‚Nein‘ akzeptiert werden sollte und nicht noch stundenlang darüber diskutiert werden sollte, vor allem dann nicht, wenn man selbst das Thema schon völlig abgeschlossen hat und sich gerne anderen Dingen zuwenden möchte oder wenn es sich nur um eine Lappalie handelt oder wenn man das Thema schon fantastrillionen Male durchgekaut hat und jetzt einfach mal genug davon hat.

Ich bilde mir ein, ich wäre gar nicht eine so schlechte Freundin (obwohl ich es vermutlich bin). Ich habe wirklich immer ein offenes Ohr, versuche für andere da zu sein, bin ziemlich hilfsbereit und loyal und normalerweise auch sehr ehrlich. Was ich jedoch nicht bin und was meine Freundschaften irgendwie immer regelmäßig in Krisen stürzt: Ich bin nicht sehr unternehmungslustig, gehe so gut wie nie feiern, schmeiße mein Geld auch nicht so gerne für Cocktailabende in einer Bar heraus und gammel generell lieber irgendwo Zuhause rum, veranstalte einen Film- oder Mädelsabend, anstatt irgendetwas draußen zu unternehmen. Ich bin außerdem kein Mensch, der viel Nähe braucht. Das mag jetzt vielleicht erst einmal komisch klingen, aber es fällt mir schwer, mich regelmäßig bei Freunden zu melden, weil ich meist einfach gar nicht so wirklich das Bedürfnis danach habe, es sei denn, es ist irgendetwas vorgefallen oder es gibt etwas lustiges zu erzählen oder das letzte Treffen ist einfach schon Lichtjahre her. Was das mit dem ‚Nein‘-sagen zu tun hat? Irgendwie eine Menge, habe ich das Gefühl. Diese zwei ’negativen‘ Eigenschaften (ich finde sie jetzt persönlich eigentlich nicht wirklich negativ, aber es sind sicherlich auch keine positiven Eigenschaften, deswegen bezeichne ich sie jetzt einfach mal als negativ) führen dazu, dass ich noch häufiger ‚Nein‘ sage und mich noch häufiger zur Rechtfertigung gezwungen fühle, was mich auf Dauer auslaugt. Versteht mich nicht falsch – ich bin froh, dass ich eine Handvoll Freunde habe, ich unternehme auch unfassbar gerne etwas mit diesen, ich bin auch gerne unterwegs mit meinen Freunden und wage mich in Menschenmassen oder bin auf andere Weise abenteuerlustig, aber: es laugt mich aus. Viel Kontakt mit Menschen führt dazu, dass ich meine Batterien erstmal wieder aufladen muss und weil das gelegentlich ganz schön anstrengend ist, sag ich oft schon von vornherein ‚Nein, dieses Mal nicht‘, weil ich entweder weiß, dass mich das anstehende Event wirklich erschöpft oder aber – oh Wunder, oh Wunder – , weil ich von vornherein keine wirkliche Lust darauf habe, kein Interesse dafür aufbringen kann oder solche Art Event einfach absolut nicht mein Ding ist.

Ich bin ein Mensch, der sich von Büchern, Serien, Filmen, Musik oft besser unterhalten fühlt, als von anderen Menschen. Früher habe ich spaßhaft gesagt, ich wäre misanthropisch, heute würde ich das zwar nicht mehr sagen, aber ich präferiere die Zeit, die ich mit mir selbst oder mit meinem Freund/meiner Familie verbringe. Das sind Menschen, die mich wirklich kennen, die mich im Normalfall auch nicht zu irgendwelchen Dingen überreden, von denen sie wissen, dass ich daran kein Interesse habe; Menschen, bei denen ich selten erörtern muss, wieso ich denn nicht möchte. Ich bin eine Einzelgängerin, ich genieße die Zeit mit mir, ich genieße es, zu tun was ich will, wann ich es will und wie lange ich es will. Vor allem seit ich von Zuhause ausgezogen bin, bin ich in der Hinsicht wesentlich ausgeglichener (denn Mütter akzeptieren leider auch kein ‚Nein‘ – nicht einmal ein ‚ich mache es gleich‘, was das Alleineleben um einiges attraktiver macht). Ich mag es, mein eigener Herr zu sein, über mich selbst zu entscheiden und mich nicht von einem schlechte Gewissen anderen Menschen gegenüber lenken zu lassen. Das einzige, was mich antreiben soll, ist mein eigener Wille, meine eigenen Ziele, Verpflichtungen und Wünsche, die ich für mich selbst erreichen möchte. Ich lebe für mich, nicht für irgendjemand anderen. Und gerade deswegen ist es wichtig, auch einmal ‚Nein‘ zu sagen.

„Learn to say ’no‘ without explaining yourself“ – diesen Spruch habe ich auf Tumblr gefunden und ich hatte sofort das Bedürfnis, mir diesen Spruch gut sichtbar irgendwo hin zu tättowieren oder mir ein Schild, auf dem der Spruch geschrieben steht, um den Hals zu hängen. „Learn to accept ’no‘ without forcing me to say ‚yes'“ wäre so das passende Äquivalent dazu und irgendwie finde ich, dass man sich das viel öfter zu Herzen nehmen sollte. Natürlich stecke ich nicht nur in der ‚Opferrolle‘, sondern habe selbst schon oft genug andere Menschen genötigt (oder zumindest den Versuch begangen), aber vielleicht ist es gerade deswegen wichtig, sich das einmal bewusst zu machen und im täglichen Leben darauf zu achten. Man sollte vielleicht nicht immer klein beigeben und natürlich möchte man auch wissen, weshalb die Person es denn jetzt ablehnt. Aber man sollte nicht versuchen, den Menschen an sich zu ändern, ihn zu etwas zu überreden oder von etwas zu überzeugen, wozu/wovon er ganz offensichtlich nicht überredet oder überzeugt werden möchte. Wir sollten lernen, ‚Nein‘ zu sagen, gleichzeitig aber auch das ‚Nein‘ der anderen Menschen zu akzeptieren.

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14 Kommentare zu „Learn to say ’no‘ without explaining yourself

  1. In meinem Freundeskreis gab es auch mal eine ganze Zeit lang Leute die kein ‚Nein‘ ohne eine Erklärung akzeptiert haben, die mich gängelten oder die auch gerne mal einfach vor meiner Tür standen, obwohl sie wissen, dass ich für solche spontanen Aktionen nicht geschaffen bin. Was mich dabei am meisten auf die Palme gebracht hat, war dass ich den Spieß nie umdrehen darf. Das erschien mir immer scheinheilig. Aber das ist eigentlich Vergangenheit. Irgendwann kam der Moment, in dem ich mir gewünscht hätte, es würden sich meine mir verbliebenen Freunde vielleicht etwas mehr dafür interessieren wie es gerade mit der Masterarbeit, der Umzugsplanung und Jobsuche läuft – es ist manchmal seltsam wie es im Leben läuft.
    Jedenfalls hast du da einen Artikel geschrieben, den ich so unterschreiben könnte ;) mir sozusagen aus der Seele geschrieben. Zumindest meinem Ich von vor 2 Jahren. Denn auch, wenn ich selber auch gerne Zeit nur mit mir und dem gammeln verbringe und genau wie du oft das Gefühl habe meine Batterien wieder aufladen zu müssen, nachdem ich was mit Leuten unternommen habe. Aber dann kam der Moment, in dem sich die Wege der Freunde getrennt haben – zum Beispiel durch andere Werdegänge, Umzüge, Wechsel der Uni und ich habe von so mancher treuloser Tomate nichts mehr gehört. Dann kamen weniger Leute dazu – und obwohl ich auch mit diesem Wissen damals ‚Nein‘ gesagt hätte, ist das eine bittere Erkenntnis.

    1. Es erleichtert mich ja fast, dass ich nicht die einzige bin, der es manchmal so geht – beim Tippen des Posts dachte ich mir, dass mich bestimmt jeder, der das liest, sonderbar finden wird und mich in der Hinsicht überhaupt nicht verstehen kann. Aber ich glaube, ich zerdenke das auch schon wieder zu arg – wer weiß, wie man in ein oder zwei Jahren auf solche Situationen zurückblickt…Danke für deinen Kommentar und fühl‘ dich gedrückt!

  2. Ich kann dir auch nur beipflichten! Ich bin mir auch oft selbst genug und finde es ganz schrecklich, wenn tausend Aktivitäten nacheinander anstehen. Das stresst mich unfassbar. Und spontan geht bei mir eh gar nichts.
    Feiern gehen ist auch überhaupt nicht mehr mein Ding, früher war ich da aber sehr aktiv. Irgendwann hat mir das keinen Spaß mehr gemacht und war mir nach ner stressigen Woche in der Uni auch zu anstrengend (und auch zu teuer auf Dauer) und viele Leute konnten das damals nicht verstehen und auch nicht akzeptieren. Da sind dann Freundschaften vielleicht nicht dran zerbrochen, aber sie sind unwiderbringlich eingeschlafen. Das finde ich heute schade, würde es aber dennoch wieder genauso machen. Zum Aufrechterhalten einer Freundschaft gehören schließlich immer zwei und ich sehe nicht ein, dass ich mich permanent verstellen soll, um es anderen recht zu machen.
    In diesem Sinne: Mach weiter nur das, was du willst und steh zu deinem Nein! :-)

  3. Ein toller Artikel, in dem ich mich sehr gut wiederfinde. Zu gut beinahe schon. Manchmal denke ich heute ich hätte doch öfter mal „Ja“ sagen sollen, oder an anderer Stelle lieber „Nein“ – spätestens seit die Kinder da sind, ist man ohnehin eher im Familienmodus und kann gar nicht mehr so spontan weg bzw. will das noch weniger als früher. Geht zumindest mir so. Wie sich daneben die Freundschaften entwickeln? Alle werden das wohl nicht überleben…

    1. Ich bin fast wirklich schon erleichtert, dass ich nicht die einzige bin, die sich oft so fühlt. Ich finde es eigentlich auch immer schöner, lieber wenige, aber dafür tiefe und ernsthafte Freundschaften zu haben, als tausende oberflächliche Bekanntschaften. Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!

  4. Oh, ich lerne das auch gerade, ich bin schon ganz gut darin.

    Anderstrum muss ich sagen das mich ewige-wiesoweshalbwarum-arien total nerven! Ich finde nichts ätzender als wenn ne Freundin mir stotternd, oder sonst wie fiebrig erklären will warum sie dieses Wochenende keine Zeit hat. Ein einfaches „nö, darauf hab ich keine Lust“ finde ich viel besser. Straight. Kein Blabla. Damit kommen wiederum die meisten anderen Menschen nicht klar… :-(

    Ich gehe zum Beispiel grundsätzlich davon aus, das alles was ich mach nicht richtig ist. Wenn besuch kommt entschudlige ich mich für die Unordnung (obwohl ich den ganzen Tag aufgeräumt habe und es ordentlich ist), für das evtl. misslungene Essen (jeder isst gerne bei mir…)… gerne bemerke ich auch das ich Handschuhe beim Kochen getragen habe (für den fall das sich jemand sonst ekeln könnte) und warum ich nicht das teure Rinderfilet gekauft habe sondern etwas günstigeres….

    Noch fragen? Wir haben alle unsere Macke, also sollten wir alle versuchen zu entspannen, auch wenn das manchmal echt anstrengend ist!

    Liebe Grüße
    Claudi

    1. Ja, ich fände es auch viel besser, wenn man direkt auf den Punkt gebracht sagt, dass man keine Zeit/Lust hat, statt sich noch stundenlang dafür zu entschuldigen und eine Ausrede/Entschuldigung nach der anderen auf den Tisch zu hauen, so etwas finde ich wirklich nervig und oft auch unnötig.

      Das Gefühl, was du beschreibst, kenne ich auch zu gut, es ist oft wirklich so, dass man immer das Gefühl hat, etwas falsch zu machen oder nicht gut genug zu sein. Eigentlich doof, dass man sich da selber so verrückt macht, obwohl man eigentlich weiß, dass man völlig übertreibt oder sogar völlig danebenliegt, aber so trägt halt jeder seine Macken mit sich herum. Und oft denke ich mir, dass es vielleicht auch besser ist, lieber etwas kritischer mit sich selbst zu sein, statt sich selbst in den Himmel zu loben.

      Ganz liebe Grüße, hab ein schönes Wochenende!

      1. Hallo :-)
        Ja, das auf jeden Fall, bei vielen Leuten denke ich auch sie sollten kritischer sein, wenn ich sehe wie viele drüber reden wie dreckig es woanderst ist und selber sinds solche Schweine, da denke ich, lieber mal nix sagen, kritisch sein. Kommt auf jedenfall besser an :-)
        Hoffe du hattest auch ein schönes Wochenende :-)

  5. Oh, du sprichst mir aus der Seele!
    Glücklicherweise habe ich in den letzten Jahren ein paar Menschen kennen gelernt, die mich so akzeptieren und sich einfach freuen, wenn ich spontan mitkomme, aber auch keinen Stress mehr machen, wenn ich doch nicht bei allem dabei bin. Das hat aber sehr lang gedauert und auch die ein oder andere Freundschaft gekostet.
    Inzwischen mache ich mir nicht mehr so viel daraus… ärgere mich auch nicht mehr über die Male, wo ich nein gesagt habe, weil ich weiß, dass ich es anders herum sicher mehr bereut hätte. (; Wer mich nicht mag so wie ich bin, wer nicht akzeptieren kann, dass ich mich nicht jede Woche 7 mal melde und es trotz allem ernst meine, der hat das Konzept Freundschaft falsch verstanden. Denn da bin ich für sie, wenn sie mich brauchen und ich vergesse sie auch nicht, ich brauch nur die richtige Stimmung dafür, sonst wäre ein Treffen oder Gespräch eh nicht sehr glorreich. :D
    Ich denke mal, ich gebe hier nur nochmal wieder, was du geschrieben hast. Mich hat es nur so sehr an mich erinnern und es tut immer gut, wenn man weiß, dass es da Leute gibt, denen es gleich ergeht. (:

    Liebe Grüße!

    1. Dankeschön für deinen tollen Kommentar, du hast das, was ich mit meinem Blogpost sagen wollte nochmal perfekt auf den Punkt gebracht! :) Schön, dass es dir mittlerweile gelungen ist, Freunde zu finden, die dich tatsächlich so akzeptieren, wie du bist! Ganz liebe Grüße!

  6. Auch mir sprichst du aus der Seele, ich stoße auch oft auf Unverständnis, wenn ich meine Ruhe haben will. Ich brauch ganz viel Zeit für mich selbst. Einmal habe ich es geschafft, einer Freundin, die nicht verstehen konnte, warum ich nach einem mehrtägigen Besuch bei ihr schon mittags und nicht erst abends nach Hause fahren wollte (musste am nächsten Tag arbeiten), zu sagen: „Es sind eben nicht alle Menschen gleich“. Wär ja auch schlimm.

    1. Das stimmt sehr wohl! Ich kann dich in der Hinsicht auch total verstehen, habe dasselbe auch schon mal bei einer Freundin erlebt. Das blöde ist ja nur immer, dass die meisten das gleich so persönlich nehmen und einfach nicht verstehen, dass diese Menschen-Auszeit nicht gegen sie gerichtet ist, sondern vielmehr damit zusammenhängt, dass man etwas Zeit für sich braucht, aber da muss man dann wohl einfach drüberstehen.

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