Bücher · Inspirierende Personen

Haruki Murakami


Mir fielen heute genau zwei Dinge auf: Zum einen, wie sehr ich Haruki Murakami vergöttere und das seit dem ersten Werk, das ich von ihm las. Zum zweiten, dass ich früher eine Kategorie „Inspirierende Personen“ auf meinem Blog führte, die nicht sonderlich üppig bestückt ist und deren letzter ‚richtiger‘ Beitrag, so wie ich es mir ursprünglich vorgestellt und gedacht hatte, 2011 veröffentlicht wurde. Der Plan war eigentlich, in regelmäßigen Abständen über Personen zu schreiben, die mich irgendwie berühren, bewegen, inspirieren, ermutigen – schlicht und einfach Personen, die mir in gewisser Art und Weise als Impuls und Anregung dienen und die mein Leben bereichern. Von diesem Plan bin ich viel zu schnell abgekommen, aber nichtsdestotroz führte mich mein Weg zurück dorthin, weswegen es heute einen Post über eine Person gibt, die mich inspiriert. Vorhang auf für – oh Wunder, oh Wunder, wer hätte das gedacht – Haruki Murakami!

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“Why do people have to be this lonely? What’s the point of it all? Millions of people in this world, all of them yearning, looking to others to satisfy them, yet isolating themselves. Why? Was the earth put here just to nourish human loneliness?”
― Haruki Murakami, Sputnik Sweetheart

Murakami war schon mehrmals für den Literaturnobelpreis nominiert, gewann ihn bisher jedoch nie. Dafür zählt er allerdings zu den zehn meistverkauftesten Autoren der Gegenwart. Geboren wurde der japanische Kultautor 1949 in Kyoto, seine Kindheit verbrachte er in dem Vorort der Stadt Kobe. Beide Elternteile unterrichteten japanische Literatur, während Murakami bereits als Kind und Jugendlicher mehr Interesse an der westlichen Literatur zeigte. Auch später behielt er diese Offenheit der westlichen Kultur gegenüber bei und übersetzte einige Klassiker, unter anderem von Schriftstellern wie seinem Lieblingsautor F. Scott Fitzgerald, John Irving, Paul Theroux, Raymond Carver, Raymond Chandler und Truman Capote aus dem Englischen in seine Muttersprache, zum einen, weil es für ihn ein Hobby ist, zum anderen, um seinen japanischen Mitbürgern die amerikanische Literatur näherzubringen. Für japanische Literatur konnte er sich dagegen nie wirklich begeistern, er vermutet selber, dass es daran lag, dass beide Elternteile ebendies unterrichteten und er aus Trotz die Bücher, die sie während ihres Unterrichts empfahlen, nicht lesen wollte. Nichtsdestotrotz beteuert Murakami, dass er ein wahrhaftig japanischer Schriftsteller sei und seine Wurzeln sich hier finden würden.

“But who can say what’s best? That’s why you need to grab whatever chance you have of happiness where you find it, and not worry about other people too much. My experience tells me that we get no more than two or three such chances in a life time, and if we let them go, we regret it for the rest of our lives.”
― Haruki Murakami, Norwegian Wood

Ab 1968 nahm Murakami ein Theaterwissenschaftsstudium in einer in Tokyo gelegenen Universität auf. Hier lernte er auch seine zukünftige Ehefrau kennen, die er nach dem Studium heiratete und mit der er noch heute zusammen ist und auch lebt. In den 70ern eröffnete Murakami zusammen mit ihr auch eine Jazzbar, die er bis in die 80er eigenhändig leitete. Sein Interesse für Musik schlägt sich auch in vielen seiner Werken nieder. Während der 80er bis Mitte der 90er reiste Murakami viel umher – aufgrund der plötzlichen Berühmtheit, die er in Japan durch „Naokos Lächeln“ erlangt hat, fühlte er sich unwohl und konnte sich in Japan nicht mehr wirklich auf das Schreiben konzentrieren. Er hielt sich für einige Zeit in Europa auf, unter anderem in Frankreich, Italien und Griechenland und verlegte seinen Wohnort dann sogar für vier Jahre in die USA. 1995 zog es ihn allerdings nach Japan zurück. Während seiner Zeit im Ausland, schrieb er vier weitere Romane.

“Lost opportunities, lost possibilities, feelings we can never get back. That’s part of what it means to be alive. But inside our heads – at least that’s where I imagine it – there’s a little room where we store those memories. A room like the stacks in this library. And to understand the workings of our own heart we have to keep on making new reference cards. We have to dust things off every once in awhile, let in fresh air, change the water in the flower vases. In other words, you’ll live forever in your own private library.”
― Haruki Murakami, Kafka on the Shore

Mit dem Schreiben begann Murakami als er etwa 30 war, in einem Interview bezeichnete er es als eine glückliche Fügung, dass sein erster Roman sofort veröffentlicht wurde. Der Gedanke, mit dem Schreiben zu beginnen, traf ihn übrigens wie ein Blitz während eines Baseballspiels an einem sonnigen Nachmittag im April. Seine Werke zeichnen sich nahezu ausnahmslos durch surrealistische und mystische Elemente aus, Wikipedia nennt dies einen ‚magischen Realismus‘, den ich durchaus als passende Bezeichnung empfinde. Auffällig sind auch die sich stets sehr ähnelnden Protagonisten innerhalb seiner verschiedenen Romane, die durchaus autobiografische Züge tragen und ihrem Autor in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich sind. Tragendes Thema in vielen seiner Geschichten ist außerdem Verlust und Suche – sei es die vergebliche Suche nach einem geliebten Menschen oder die symbolische Suche nach sich selbst. Murakami selbst sieht diese ‚Suche‘ als eine Metapher. Wichtig sei nicht, dass der Protagonist auch tatsächlich findet, es geht vielmehr um den Prozess des Suchens und die Strecke, die man dabei zurücklegt.

“She waited for the train to pass. Then she said, „I sometimes think that people’s hearts are like deep wells. Nobody knows what’s at the bottom. All you can do is imagine by what comes floating to the surface every once in a while.”
― Haruki Murakami, Blind Willow, Sleeping Woman

Vorbild für die übernatürlichen Elemente, die in vielen seiner Geschichten auftauchen, sieht Murakami in der Geschichte um Orpheus. Orpheus steigt hinab in eine andere Welt, die Hölle, um sich auf der Suche nach seiner verstorbenen Frau zu machen. In Japan glaubte man früher, dasss sich unter der Oberfläche eine andere Realität befindet. Murakami selbst glaubt noch heute daran, sieht dies allerdings als Metapher. Auch in seinen Geschichten ist es einfach, in die übernatürliche Welt zu gelangen, da sie zu selben Zeit und parallel zur ’sichtbaren‘ Welt herum existiert, sich manchmal sogar miteinander vermischt. In einem Interview sagte Murakami, dass es sich dabei um besondere Ort für jeden von uns handelt, die ihn als Autor besonders interessieren. Jeder hat einen speziellen persönlichen Dark Room, und zwar in sich selbst. Wenn Murakami über die spezielle Dunkelheit in sich schreibe, dann kann fast jeder Leser diese Dunkelheit auch in sich erkennen. Für ihn ist seine Vorstellungskraft und die Tatsache, dass es nicht nur eine Realität gibt führende Kraft.

“Unfortunately, the clock is ticking, the hours are going by. The past increases, the future recedes. Possibilities decreasing, regrets mounting.”
― Haruki Murakami, Dance Dance Dance

Murakami beschreibt sich als bodenständige und langweilige, ja sogar langweilige Person mit einem geregelten Tagesablauf. Nur beim Schreiben spürt er, wie er sich in ‚Superman‘ verwandelt. Durch das Schreiben hat sich sein Leben in etwas ganz Besonderes gewandelt und es ist für ihn der Sinn seines Lebens. Schreiben tut der Japaner stets in den Vormittagsstunden, um die Gunst eines klaren und ausgeruhten Kopfes auszunutzen und sich besser und intensiver auf das Schreiben konzentrieren zu können. Murakami betont außerdem stets, dass er Einzelgänger ist und gerne für sich bleibt.

“Is it possible, in the final analysis, for one human being to achieve perfect understanding of another?
We can invest enormous time and energy in serious efforts to know another person, but in the end, how close can we come to that person’s essence? We convince ourselves that we know the other person well, but do we really know anything important about anyone?”
― Haruki Murakami, The Wind-Up Bird Chronicle

Ich könnte hier nun eine Auflistung all seiner fabelhaften Werke machen (von denen ich selbst leider auch noch nicht alle gelesen habe), aber ich denke, das würde diesen Post irgendwie überladen. Oft werde ich gefragt, welches Buch ich von Murakami am liebsten mag, welches ich für den ‚Einstieg‘ empfehlen kann und immer wieder habe ich Schwierigkeiten, solche Fragen zu beantworten. Ich mag jede Geschichte, die aus Murakamis Feder stammt, einfach unglaublich gerne und halte ihn ohne Zweifel für einen der größten und inspirierendsten Autoren, von denen ich jemals etwas gelesen habe. Wer sich nicht sicher ist, ob er mit Murakamis doch schon etwas eigenen und postmodernen Schreibstil etwas anfangen kann, sollte vielleicht mit einem seiner Kurzgeschichtenbände beginnen oder mit einem dünnen Buch wie „Sputnik Sweetheart“ oder „Gefährliche Geliebte“, wobei letzteres in Deutschland ja lange kritisiert wurde, es sei zu pornographisch (was möglicherweise aber auch daran lag, dass der Roman nicht direkt aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt wurde, sondern eher über drei Ecken aus dem Englischen).

“It is not that the meaning cannot be explained. But there are certain meanings that are lost forever the moment they are explained in words.”
― Haruki Murakami, 1Q84

Warum ich selbst Murakami so vergöttere? Weil er es schafft, die alltäglichsten Dinge in bildhafte Sprache zu packen, weil er Meister der Metaphern ist, weil ich mich in seinen bildgewaltigen und vielschichten Romanen verlieren kann, weil Murakami so simpel und plausibel erzählt, dass man das übernatürliche gar nicht als solches wahrnimmt, sondern es als ganz gewöhnliche Gegebenheit der Realität empfindet, weil man immer wissen möchte, ob der Protagonist (die ich alle ausnahmslos sympathisch finde) an sein Ziel gelangt, weil Murakami hunderte Fragen offen lässt, was einen dazu zwingt, darüber nachzudenken und vielleict sogar Parallelen zum eigenen Leben aufzustellen, weil es einfach ‚Märchen für Erwachsene‘ sind.

“Silence, I discover, is something you can actually hear.
― Haruki Murakami, Kafka on the Shore

Die Manuskripte seiner Romane lässt Murakami übrigens nicht von einem Leser oder Lektor prüfen, sondern von seiner Frau – sie ist wohl immer noch die härteste Kritikerin seiner Worte.


Was haltet ihr denn von Murakami? Ist er tatsächlich brilliant oder wird er maßlos überschätzt und von mir etwas zu sehr idealisiert? ;) Was habt ihr schon so von ihm gelesen?

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3 Kommentare zu „Haruki Murakami

  1. Wow – auf den Artikel habe ich gewartet, schätze ich. :) Bisher kenne ich nur die 1Q84-Bücher, habe aber Herrn Tazaki geschenkt bekommen und halte auch noch an deinem Tipp von früher fest mit dem Kurzgeschichtenband. Der Elefant der verschwindet? Obwohl ich so wenig von ihm kenne, schätze ich es wie er seine Geschichten komponiert und mit so einer reichen Bildsprache ausstattet. Wenn man erstmal ein Feinschmecker-4-Gang-Menü hatte, kommen einem andere Bücher wie eine Instant-Nudelsuppe vor. Das selbe Gefühl hatte ich nach dem Lesen von Büchern von Gabriel Garcia Marquez. Danke für den Artikel!

    1. Das freut mich so sehr! Der Kurzgeschichtenband, mit dem ich vor einigen Jahren begonnen habe, hieß „Der Elefant verschwindet“ – ich konnte neulich sogar endlich mal meinen Freund dazu überreden, sich diesen durchzulesen und er war auch ziemlich angetan von Murakamis außergewöhnlichen Schreibstil und seinen phantastischen Geschichten, aber an einen Roman hat er sich dann doch noch nicht wirklich rangetraut. Dein Nudelsuppen-Vergleich ist übrigens perfekt, ich glaube, das schreibe ich mir auf, weil es Murakamis Talent wirklich auf den Punkt bringt! Und danke für deinen indirekten Tipp – von Marquez habe ich noch überhaupt nichts gelesen, aber wenn dieser es ebenso versteht, Geschichten auf eine wundersame und eigene Art und Weise besonders erscheinen zu lassen, ist er es sicherlich Wert, auf meinen Wunschzettel zu landen. Vielen Dank für deinen Kommentar!

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