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John Connolly: „Das Buch der verlorenen Dinge“


Hör mir gut zu“, sagte er. „Ich werde dir die Wahrheit erzählen über die Welt, in die du so unbedingt zurückkehren willst. Sie ist ein Ort voller Schmerz und Leiden und Trauer. Als du sie verlassen hast, wurden Städte angegriffen. Frauen und Kinder wurden in Stücke gerissen und  bei lebendigem Leib verbrannt, und zwar von Flugzeugbomben, die von Männern abgeworfen wurden, die selbst Frauen und Kinder haben. Menschen wurden aus ihren Häusern gezerrt und auf der Straße erschossen. Deine Welt ist dabei, sich selbst zu zerstören, und das Amüsanteste dabei ist, das es es vor Ausbruch des Krieges nicht viel besser war. Der Krieg gibt den Leuten nur den Vorwand, ihre finstere Seite auszuleben und ungestraft zu morden. Es gab vorher Kriege und es wird nachher Kriege geben, und auch dazwischen werden die Leute einander bekämpfen und verletzen und verstümmeln und betrügen, denn das haben sie schon immer getan.“

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Inhalt: Nach dem Tod seiner Mutter flüchtet sich der zwölfjährige David in die Welt der Bücher. Schon bald merkt er, dass sich Realität und Phantasie vermischen. Es beginnt eine aufregende Reise an die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, klug und spannend erzählt John Connolly eine Geschichte über die Kraft der Phantasie.

Meinung: Ich liebeliebeliebe dieses Buch – es ist meiner Meinung nach absolut brillant, durchdacht und unglaublich gut geschrieben. Aber ganz langsam und zurück zum Anfang: David, der Protagonist des Buches, ist zwölf, als seine Mutter verstirbt und ihr Tod hinterlässt eine riesige Lücke in seinem Leben. Als sein Vater sich dann auch noch einmal neu verliebt und seine neue Frau einen Sohn zur Welt bringt, bricht für David fast seine Welt zusammen – aber er hat ja noch all seine Bücher, die ihm Dinge und Geschichten zuflüstern. Bis er eines Nachts die Stimme seiner Mutter hört, die nach ihm ruft und ihn um Hilfe bittet. Natürlich folgt er ihrem Ruf und landet so in einer düsteren Parallelwelt, voller Absurditäten aber zum Glück auch Menschen, die ihm dabei helfen und ihn unterstützen wollen, seine Mutter zu finden und wieder nach Hause zurückzukehren. Dass er seine Mutter niemals wieder zurückholen kann, wird David irgendwann genauso klar, wie die Tatsache, dass man nicht jedem Menschen einfach vertrauen kann…

John Connolly hat meiner Meinung nach eines der besten modernen Märchen unserer Zeit erschaffen – auch, indem er die allseits bekannten Hausmärchen, auf morbide Art und Weise abgewandelt, mit in seine eigene Geschichte eingeflochten hat. Was in dieser Parallelwelt geschieht, ist fast schon ein bisschen zu gruselig und an manchen Stellen sogar sehr blutrünstig und brutal, aber nichtsdestotrotz macht genau das – die Furcht und der Schrecken vor den Grausamkeiten – diese Geschichte zu einer, die sich von anderen abhebht, die im Gedächtnis bleibt und die dazu führt, dass man innerlich „MEHR MEHR MEHR DAVON!“ schreit. Wir begegnen nicht nur eigenartigen, halbmenschlichen Wolfsgestalten, die aus einer Verbindung zwischen Wölfen und einer Frau (Rotkäppchen) entstanden sind, sondern auch ein unterdrückendes und mehr als egoistisches Schneewittchen und eine Jägerin, die Hybride aus Kindern und Waldtieren erschafft. Da bekommt man doch schon eine kleine Ekelgänsehaut, oder?

Was mir besonder zuagte, war auch der Schreibstil. Oh, hätte ich nur die Zeit dazu gehabt, ich hätte das Buch in einem Rutsch durchgelesen und danach würde ich es nochmal und nochmal lesen, weil ich nämlich auch glaube, dass dies eines jener Bücher ist, aus denen man auch nach dem fünften Reread noch etwas ziehen kann – einfach weil es so schön, flüssig und leicht geschrieben ist, aber auch, weil so viele Botschaften zwischen den Zeilen versteckt liegen, weil es ein Märchen mit einer Moral am Ende ist, die mir unbeschreiblich gut gefiel. Das ganze ist (zumindest in meinen Augen) so originell und durchdacht und zeigt auf großartige Weise die menschlichen Abgründe auf. Ich muss auch sagen  – ein bisschen hat mich das Buch teilweise an „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren erinnert – nur um einiges dunkler und brutaler. Wo genau ich diese Parallele ziehen will, weiß ich aber selber nicht, ich fühlte mich nur, gerade am Schluss des Buches, irgendwie stark an die Brüder Krümel und Jonathan erinnert.

„Geschichten waren anders: Sie wurden lebendig durch das Erzählen. Ohne eine menschliche Stimme, die sie vorlas, oder ein paar gebannt aufgerissene Augen, die sie beim Licht einer Taschenlampe unter der Bettdecke verfolgten, existierten sie im Grunde nicht in unserer Welt. Sie waren wie Samenkörner im Schnabel eines Vogels, die darauf warteten, auf die Erde zu fallen, oder wie Noten auf einem Blatt Papier, die sich danach sehnten, dass ein Instrument sie zum Klingen brachte. Sie schlummerten vor sich hin und hofften auf eine Gelegenheit, ihren Buchdeckeln zu entrinnen. Sobald jemand anfing, sie zu lesen, konnten sie sich verändern. Sie konnten sich in der Fantasie verwurzeln und den Leser verwandeln.“

Fazit: „Das Buch der verlorenen Dinge“ scheint nach außen so wundersam schön und süß und märchenhaft – ich wäre, hätte ich es nicht schon vorher gewusst, nie darauf gekommen, dass es sich um eine so düstere Geschichte handeln würde. Gerade deswegen würde ich eine Altersempfehlung eher etwas höher ansiedeln, in meinen Augen ist das Buch etwa ab 15, 16 – für jüngeres Publikum fließt dann doch ein bisschen zu viel Blut und einige Storylines wird man wohl auch erst verstehen und nachvollziehen können, wenn man etwas älter ist. John Connolly scheut sich nicht davor, auch abscheulichere Szenen bildhaft zu schreiben und das sollte man dabei wirklich im Hinterkopf behalten. Ansonsten gibt es von mir jedoch eine klare Leseempfehlung für alle – egal, wie alt man ist, das Buch könnte für nahezu jeden ein großartiges und unerwartetes Abenteuer sein. Insbesondere lege ich es jedoch jenen Menschen ans Herz, die Märchennacherzählungen lieben und kein Problem damit haben, wenn diese nicht auf die klassische Art nachempfunden werden, sondern jeweils die schlechte Seiten der Märchenfiguren offenlegen. Ich für meinen Teil halte dieses Buch wirklich für eines der brillantesten und originellsten, die ich in letzter Zeit lesen durfte und habe jetzt so richtig Lust, noch viel mehr zu lesen, was in diese Richtung geht!

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14 Kommentare zu „John Connolly: „Das Buch der verlorenen Dinge“

  1. Jetzt ist das Buch auf meiner Wunschliste noch weiter nach oben gewandert. Das klingt einfach unheimlich gut! Ich hoffe, ich kann es auch bald lesen :)

  2. Ach wie schön, dass das Buch dich auch so verzaubern konnte. Ich unterschreiben hiermit alles, was du darüber gesagt hast :D
    Ich glaube jüngere Leser, die nicht jeden Handlungsstrang genau interpretieren, können trotzdem Freunde an dem Buch haben (insofern sie den Grusel aushalten). Ich muss bei sowas immer an Der Goldene Kompass denken. Das ist ja teilweise auch sehr kompliziert und nicht unbedingt kinderfreundlich geschrieben (und da kann man so viel reininterpretieren, worüber man als Kind noch gar nicht nachdenkt) und trotzdem ist es gleichzeitig ein wunderbares Abenteuer.

  3. Wow, nach deiner Rezi würde ich das Buch am liebsten gleich kaufen! Da ich mein Buchbudget diesen Monat schon gewaltig geschrumpft habe, weiß ich schon, was ich mir nächsten als erstes kaufe!

    Liebste Grüße,
    Kasia

    1. Oh, das kenne ich so gut – man sieht immer hier und da total positive Rezensionen und kommt mit dem Nachkaufen der Bücher gar nicht hinterher. Zum Glück gibt es dafür ja Wunschlisten (wobei zumindest meine eine utopisch hohe Zahl an Büchern aufweist)… :D
      Ganz liebe Grüße und einen wunderschönen Tag dir!
      Liesa

      1. Das Buch ist nun doch schon im Februar bei mir eingezogen <3

        Ich freue mich schon aufs Lesen :)

        Liebste Grüße,
        Kasia

  4. Das hört sich so toll an! :‘) Schwupps, schon ist das Buch auf der Wunschliste nach oben gewandert!

    Liebste Grüße

    Saskia

    1. Haha, wie das immer so ist! Hoffe, es wird dir, wenn du es lesen solltest, genauso gut gefallen wie mir! :)

      ALlerliebste Grüße und einen schönen sonnigen Tag wünsche ich dir!

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