Bücher · Rezension

[Rezension] Haruki Murakami: „Wenn der Wind singt“/“Pinball 1973“


Haruki Murakami „Wenn der Wind singt“/“Pinball 1973“
DuMont Verlag, 20.05.2015
267 Seiten, Gebundene Ausgabe 19,99€

Inhalt: Wenn der Wind singt‹, Haruki Murakamis Debüt, folgt einem namenlosen 21-jährigen Studenten, der die Semesterferien (und damit den August 1970) in seinem kleinen Heimatort verbringt. Die Zeit vertreibt er sich mit seinem besten Freund, genannt »Ratte«, einem Mädchen mit vier Fingern an der linken Hand und einem Barkeeper.Die Handlung von ›Pinball 1973‹ setzt drei Jahre später ein. Der junge Mann lebt inzwischen in Tokio, während die »Ratte« immer noch in »J.’s Bar« darauf wartet, dass das Leben losgeht. Ein melancholischer, atmosphärisch dichter Roman, der zudem die wohl besten Flipperszenen der Literaturgeschichte enthält.Nach langem Zögern hat Haruki Murakami die Bitten seiner Lesergemeinde erhört und der Veröffentlichung dieser außerhalb Japans nie erschienenen Frühwerke zugestimmt. Zusammen mit ›Wilde Schafsjagd‹ (DuMont 2005) bilden sie die »Trilogie der Ratte«, die nach 35 Jahren nun erstmals vollständig auf Deutsch vorliegt. Murakamis berühmter »Boku«-Erzähler wurde hier erstmals dem Publikum vorgestellt. Eine kleine Sensation, nicht nur für eingefleischte Murakami-Fans.

Meinung: Seitdem ich meinen ersten Murakami in den Händen gehalten und mich ein wenig näher mit dem wundersamen Autor befasst hatte, war ich unfassbar traurig darüber, dass seine Erstlingswerke nie aus dem Japanischen übersetzt wurden. Gerade die ersten Zeilen, die ihm quasi den Weg zur Berühmtheit gepflastert haben, waren einfach diejenigen, die mich am meisten interessierten, von denen ich unbedingt wissen wollte, zu welcher Geschichte sie sich zusammenfügen würden und so machte ich buchstäblich Luftsprünge, als ich letztes Jahr erfahren habe, dass Murakami der Übersetzung zugestimmt hatte und wir schon bald seine literarischen Babys in den Händen halten dürfen. Gleich zum Erscheinungstermin – wie kann es auch anders sein – stürmte ich in die Buchhandlung und deckte mich mit einem Exemplar ein, welches ich dann auch nahezu sofort zu lesen begann – was für mich ziemlich ungewöhnlich ist, da neue Bücher meist erstmal wochen-, wenn nicht sogar monatelang auf dem SuB herumlungern.

Zu Beginn geht es nicht gleich los mit den Geschichten, sondern wir dürfen eine kurze Einleitung von Murakami persönlich lesen, in der er erzählt, wie er zum Schreiben gekommen ist und wie diese beiden Geschichten entstanden sind. Ein paar dieser biographischen Details können bereits „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ entnommen werden, einiges, wie z.B. die Tatsache, dass die erste Geschichte von ihm auf Englisch geschrieben wurde und dann von ihm in Japanische übersetzt wurde, war mir neu und fand ich ziemlich interessant.

Schon von Beginn an, war der Murakami, wie ich ihn kenne und liebe, zu spüren, gleichzeitig war ich aber auch verblüfft, wie sehr sich diese zwei kurzen Geschichten doch von seinen späteren Werken unterschieden. Es ist wohl vollkommen normal, sich im Laufe seiner Schriftstellerkarriere weiterzuentwickeln, natürlich ist es das, auch Autoren lernen dazu, nehmen neue Eindrücke wahr, die sie in ihre Romane mit einfließen lassen, probieren sich neu aus und arbeiten vermutlich auch an einem Schreibstil mit Wiedererkennungswert. „Wenn der Wind singt“ und „Pinball 1973“ merkte man – meines Empfindens nach – sofort an, dass sie aus der Feder von Murakami stammen. Schon hier deutet sich seine Neigung zu Absurditäten an – so haben seine Figuren ja immer ihre Eigenheiten oder treffen zumindest auf eigenartige Figuren, wie auch der namenlose Protagonist in „Wenn der Wind singt“ eine Frau mit nur neun Fingern kennenlernt. Murakami bediente sich gewissermaßen von Beginn an ähnlichen Protagonisten für seine Geschichten – gerade der Student/Übersetzer/Schriftsteller als Hauptfigur ist ein immer wiederkehrendes Element in Murakamis Romanen, das sich auch hier wiederfinden lässt.

Was mir allerdings auch auffiel: Allein die zwei Geschichten unterscheiden sich in meinen Augen enorm. Während „Wenn der Wind singt“ mir den Einstieg ziemlich schwer machte, weil mir die gesamte Handlung, die nur aus Momentaufnahmen und Rückblenden bestand, viel zu fragmentarisch, bruchstückhaft und verworren war, fand ich „Pinball 1973“ wesentlich angenehmer zu lesen und vor allen Dingen auch strukturierter. Surrealitäten tauchen in beide Geschichten noch nicht auf – vielleicht ist das eine Eigenheit, der Murakami sich erst später angenommen hat, vielleicht aber auch einfach kein zwingendes Element für seine Geschichten – schließlich ging es in „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ auch eher um eine realistische Geschichte, die weniger surreal angehaucht war. Für mich las sich „Pinball 1973“ jedenfalls viel eher wie ein „richtiger Murakami“ als „Wenn der Wind singt“ und auch die Figuren, die in beiden Geschichten ja die gleichen sind, empfand ich dort als wesentlich durchdachter, wenn auch immer noch der feine Schliff fehlte.

Gerade deswegen finde ich es fantastisch, dass Murakami der Veröffentlichung außerhalb Japans endlich zustimmte, denn so haben vor allem seine treuen Leser endlich einmal Einblicke in die früheren Gedanken dieses brillianten Kopfes erhalten und bewundern dürfen, welche literarischen Fortschritte er im Laufe der Jahre gemacht hat – denn ich finde, dass ihm dies definitiv gelungen ist, auch wenn der Schreibstil, die Motive und die Stilelemente bereits in diesem Werk unverkennbar die seinigen sind. Was mich außerdem sehr freut ist, dass die Trilogie der Ratte, die mit „Wilde Schafsjagd“ ihren Abschluss bildet, endlich vollständig im Deutschen vorliegt. Ich hatte mir „Wilde Schafsjagd“ schon immer aufgespart und noch nicht gelesen, weil ich sehr gehofft habe, dass die beiden Erstlingswerke irgendwann doch noch ihren Weg in die deutsche oder zumindest die englische Übersetzung finden werden und siehe da – es hat sich gelohnt und ich kann die Trilogie nun in der richtigen Chronologie genießen.

Fazit: Auch wenn ich von diesen beiden Geschichten nicht vollständig angetan bin – dafür waren sie mir einfach nicht ausgereift genug – hat es mich unfassbar glücklich gemacht, diese beiden Werke zu lesen und Murakamis ersten Schritte in der Literaturwelt beobachten zu dürfen. Für meinen Geschmack fehlte es an ausgearbeiteteren Charakteren, zudem gefielen mir die bruchstückhaften und teilweise zusammenhanglosen Schilderungen in „Wenn der Wind singt“ nicht besonders gut. „Pinball 1973“ konnte mich wieder etwas versöhnen, indem es mit einer typisch murakamischen Geschichte aufwartete, die sich besonders im Erzählstil von „Wenn der Wind singt“ entfernte und sich seinen späteren Werken annäherte. Ich glaube aber, beide Geschichten sind nur dann etwas für einen, wenn man wirklich Murakami-Fan ist – für Nicht-Fans, bzw. Einsteiger würde ich stets andere Bücher zu Beginn empfehlen. Von mir gab es daher 3 von 5 Sternen.

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8 Kommentare zu „[Rezension] Haruki Murakami: „Wenn der Wind singt“/“Pinball 1973“

  1. Großartige Rezension! Bin sehr neugierig auf das Buch und auch das Cover finde ich richtig ansprechend. Aber da ich bisher erst 1Q84 von Murakami habe werde ich wohl erst ein paar seiner anderen Bücher kaufen und auf die Taschenbuch-Ausgabe warten.

    1. Vielen Dank! Ich mag die ’neuen‘ Cover der Murakami-Bücher auch richtig gerne, wobei ich sagen muss, dass mir dieses mit 20€ für nicht einmal 300 Seiten ehrlich gesagt schon ein bisschen überteuert schien – da lohnt es sich vermutlich wirklich, auf die jeweiligen Taschenbuch-Ausgaben zu warten.

      1. Ja, 20 Euro dafür sind schon happig. Das Heftchen das ich gestern bekommen habe (Bild in meinem Instagram) hat allerdings auch fast 6 Euro gekostet obwohl es nur um die 20 Seiten hat. Das Ding bekommt man als E-Book kostenlos aber… naja, ich bin halt dumm. Und 2 davon sind noch auf dem Weg zu mir.

      2. Haha, das kommt mir bekannt vor – manchmal reicht ja wirklich ein E-Book aus, aber meistens möchte man das Buch dann doch noch im Regal zu stehen haben. :D

  2. Irgendwie kriege ich immer Lust, Murakami zu lesen, wenn ich auf deinem Blog vorbeikomme, auch wenn mich „Naokos Lächeln“ nur so halbwegs überzeugt hat (Sprache fand ich toll toll toll, aber irgendwie konnte es mich nicht richtig berühren). Liegt vielleicht auch an den Bildern, die machen immer so Leselaune :D

    1. Haha, ich schwärem glaube ich auch einfach viel zu viel von ihm. :‘) „Naokos Lächeln“ mochte ich damals total, aber das erste Buch, was mir wirklich so richtig den Atem raubte war „Kafka am Strand“ und danach definitiv „1Q84“. Ich kann aber auch total verstehen, wenn Murakami nicht jedermanns Geschmack ist, weil er doch ein bisschen speziell ist und die Geschichten manchmal einfach zu seltsam und absurd sind, um sich wirklich komplett in die Protagonisten hineinzuversetzen. Obwohl man ihn allein wegen seines Schreibstils einfach lieben muss! :D

      1. Haha, japp :D Aber dagegen ist ja nichts zu sagen :D
        Ich hab mir irgendwann auch mal Kafka am Strand gebraucht gekauft, das wartet also eh noch im Regal und ich würde es definitiv noch mal mit ihm probieren. Ich glaub beim ersten Mal lesen war ich auch einfach etwas zu ungeduldig, bzw. hab etwas anderes erwartet und ganz viel Dystopia und Fantasy drumherum gelesen, sodass ich mit einer eher ruhigeren Erzählung nicht so viel anfangen konnte. Beim nächsten Mal sollte ich den Zeitpunkt vielleicht einfach besser wählen :D

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