Bücher · Rezension

[Rezension] Haruki Murakami: „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“


hmHaruki Murakami / „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“
btb Verlag, 3.11.2008
192 Seiten, Taschenbuch, 8,99€

SZ InhaltEin Mann trifft auf seine Traumfrau und lässt sie fahrlässig ziehen. Ein anderer fühlt sich wegen eines Lötkolbens nicht mehr wohl zu Hause. Eine Japanerin sucht für ihren Mann in Hamburg eine Lederhose aus, bis sie bemerkt, dass sie ihren Mann die ganze Zeit hasste. Zwei Geschwister teilen sich seit Jahren eine Wohnung. Beide empfinden das Arrangement als zufriedenstellend. Doch dann verliebt sich die Schwester. Ein junger Mann wird von einer Frau gerufen, die ihn die Schränke im Jugendzimmer ihrer Tochter öffnen lässt. Und eine Hausfrau sitzt ohne bestimmtes Ziel im Garten und trifft dabei auf ein grünes Monster, das jeden ihrer Gedanken lesen kann …

SZ Meine MeinungViel zu lang ist es her, dass ich einen Murakami in die Hand genommen habe – naja, eigentlich erst einige Monate, aber man merkt irgendwie immer erst dann, wie sehr man etwas vermisst hat, wenn man dorthin zurückkehrt. So erging es mir auch mit „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ – die Sammlung an Kurzgeschichten zu lesen fühlte sich fast so schön an, wie nach einer langen Reise nach Hause zu kommen und Murakami hat es wieder einmal geschafft, eine bunte Mischung an Erzählungen und Absurditäten zusammenzustellen, die mich sofort in ihren Bann gezogen haben und – ich kann es einfach nicht leugnen – bei jeder einzelnen dieser Geschichten habe ich mir gewünscht, dass sie doch noch etwas länger und ausformulierter, ja vielleicht gar ein komplett eigener Roman wäre.

Allein die erste Geschichte konnte mich bereits vollständig von sich überzeugen. Von Murakamis Sprachgewandheit, seinem wunderbaren Schreibstil, der so simpel und doch nahezu unnachahmbar ist, habe ich wohl schon oft genug geschwärmt, aber gerad bei ihm ist das Gesamtpaket einfach so eindrucksvoll – sein sachlicher und doch bildhafter Stil lässt die sonderbaren Elemente in seinen Geschichten wie das natürlichste und alltäglichste auf der Welt wirken – als wäre überhaupt nichts dabei, einen tanzenden Zwerg in seinen Träumen zu treffen oder in der Nacht kleine TV-People in dein Schlafzimmer laufen zu sehen, die einen Fernseher hineintragen, den offenbar nur du und sonst niemand sehen kann. In diesem Kurzgeschichtenband gibt es allerdings nicht nur Skurrilitäten zu bewundern, Murakami erzählt auch Geschichten ohne fantastische Elemente – umso bemerkenswerter, das auch diesen ein Hauch von Magie und Märchenhaftigkeit anhaftet. Typisch Murakami eben.

Gleichzeitig muss ich aber ein Geständnis ablegen – ein klein wenig enttäuscht war ich von einigen Geschichten schon. Nicht in dem Sinne, dass sie mir absolut nicht gefallen hätten, sondern eher, weil einige so kurz und knapp geschrieben waren, dass ich mich verwundert gefragt hatte, ob dies lediglich Entwürfe oder Gedankenschnipsel waren, die Murakami in sein Notizbuch gekritzelt hat, dann nichts weiter damit anzufangen wusste und sie deswegen in dieses Buch mit einfließen ließ. Versteht mich nicht falsch, selbst diese wirklich außergewöhnlich kurzen Geschichten gefielen mir kurz, aber sie waren so wenig ausgereift und fragmentarisch – von der Idee allerdings grandios wie gewohnt – nur konnte ich trotzdem das Gefühl nicht abschütteln, das man daraus ein klein wenig mehr hätte machen können. Am wenigsten gefallen hat mir daher auch „Das grüne Monster“ – es war einfach so knapp und schnell wieder vorüber, dass ich mich gar nicht erst in die Geschichte einfinden konnte.

Meine liebste Kurzgeschichte aus dem Buch war wohl gleich die erste – „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“, allerdings gefielen mir auch „Familiensache“, „TV-People“ (die haben mich irgendwie sehr an die Little People aus „1Q84“ erinnert) und „Das Schweigen“. Für Fans von inspirierenden Geschichten ist dieses Buch definitiv ein Blick wert und auch alle anderen Fans japanischer Literatur sollten nicht zögern, sich in diese fantastischen Geschichten zu versinken. Ich vergebe 4.5 von 5 Sternen.

Vielen Dank an den btb Verlag für das Zusenden dieses Rezensionsexemplares!

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5 Kommentare zu „[Rezension] Haruki Murakami: „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“

  1. Ich mag die Kurzgeschichten von Murakami sehr. Aber andererseits wünsche ich mir bei den meisten Geschichten, dass aus ihnen ganze Bücher werden, so wie der Aufziehvogel. Gerade bei den Geschichten aus dem Sammelband hier. :)

    1. Das wäre so schön, wenn all diese Geschichten zu Romanen verarbeitet werden würden – gerade, weil viele der Geschichten aus diesem Sammelband ja wirklich unheimlich viel Potential haben finde ich. :D

  2. Na toll, also noch ein Murakami auf die Wunschliste. Schon jetzt der Autor mit den meisten Einträgen in der Liste. Ich habe sowieso viel zu wenig Bücher mit Kurzgeschichten, einfach praktisch abends noch vor dem Schlafen gehen eine abgeschlossene Geschichte zu lesen.

    1. Er hat halt auch einfach zu viele gute Bücher geschrieben! :D Ich liebe es auch, einfach mal zwischendrin, wenn man eine Viertelstunde Zeit hat oder eben abends einfach nur eine Geschichte zu lesen – auch wenn ich mir gerade bei Murakami immer sehr wünschte, dass aus all diesen Kurzgeschichten richtig schön lange Romane werden würden. :D

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