Bücher · Rezension

[Rezension] Barbara Hagmann: „Blühender Lavendel“


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Barbara Hagmann / „Blühender Lavendel
Riverfield Verlag 15.08.2015
Gebunden mit Schutzumschlag, 240 Seiten, 28,90€

SZ InhaltHerbert Kull ist Mitte fünfzig und unscheinbar. Ein Buchhalter in einer Zürcher Privatbank. Täglich trägt er die gleiche Kleidung: beiger Anzug, gebügeltes Hemd mit Krawatte und blitzblank geputzte Schuhe. Bei der Arbeit wie in seinem Alltag liebt er Ordnung und Rituale. Ambitionen hat er weder für eine Karriere noch für zwischenmenschliche Beziehungen. Einzig seiner verstorbenen Mutter trauert er nach, mit der er den Duft von Lavendel und liebevolle Erinnerungen an seine Kindheit verbindet. Als seine Schwestern ihn dazu drängen, gemeinsam ihre Kindheit aufzuarbeiten, werden seine Zwänge stärker und beängstigende Träume suchen ihn heim.
Die junge Assistentin Simone Allemann arbeitet Tür an Tür mit Herbert Kull. Sie interessiert sich nicht für den ältlichen Buchhalter mit seinen merkwürdigen Marotten, denn sie ist vollauf mit ihrem Gefühlsleben beschäftigt.
Die beiden verbindet absolut nichts, sie leben in verschiedenen Welten – bis es zu jener fatalen Begegnung kommt …

SZ Meine MeinungDie Geschichte um Herbert und Simone beginnt ohne Umschweife und zieht den Leser sofort in das Geschehen. Barbara Hagmann zeigt dabei bereits auf den ersten Seiten ihr Talent, authentische und lebensnahe Charaktere zu erschaffen, deren Beschreibungen so simpel aber detailliert sind, das man die Figuren genau vor Augen hat und bei denen sich jede Handlung perfekt in das Gesamtbild des Charakters eingefügt – gerade das ist es auch, was diese Geschichte in meinen Augen zu etwas ganz besonderem gemacht hat. Allen voran steht der kauzig anmutende aber eindrückliche Herbert Kull, der mir bereits von der ersten Seite an irgendwie ans Herz gewachsen ist. Seinen Alltag übersteht Herbert, indem er Tag für Tag alle Aktivitäten sorgfältig durchstrukturiert und im voraus plant – dabei bringt ihn schon die kleinste Abweichung völlig aus dem Konzept und in seinem Bestreben, vor allem in seiner Arbeit akkurat und perfekt zu sein, können ihn die Aufgaben, die ihm als Buchhalter aufgetragen werden, auch schon mal die ganze Nacht wachhalten. Dabei ist dem Leser von Anfang an klar, dass all dieses seltsame Verhalten von Herbert doch einen Ursprung haben muss – worin dieser liegt, erfährt man aber erst gegen Ende des Buches.

Überhaupt löst sich das gesamte Geschehen erst auf den letzten Seiten auf, wobei man während des Lesens schon auf Anhaltspunkte stößt und sich dabei Stück für Stück eine eigene Theorie zusammenbasteln kann, was zu Herberts fast schon autistischem Lebensstil geführt hat. Rückblenden aus der Vergangenheit runden das Gesamtbild ab und machen stets neugierig auf mehr, denn gerade Herberts Vergangenheitsbewältigung ist der Dreh- und Angelpunkt für die Geschichte. Nach und nach versucht Herbert das Puzzle um seine von ihm idealisierte Mutter aufzudecken und erfährt dabei schockierende Tatsachen. Gerade dieser Teil – für mich definitiv der spannendste des Buches – in dem es um den psychologischen Aspekt und deren Aufklärung ging, war leider etwas zu schnell und knapp dargestellt – gerne hätte ich hier ausführlicher darüber lesen wollen, wie genau das eine zum anderen geführt hat und insbesondere die Familienverhältnisse aus Herberts Kindheit hätten nach meinem Geschmack noch näher beleuchtet sein können.

Im Gegensatz zu Herbert bleibt Simone, aus deren Perspektive der andere Teil des Buches erzählt wird, für mich etwas blass. Sie macht gerade eine Trennung durch und ein Großteil ihrer Passagen zeichnen sich durch Liebeskummer und das Schwelgen in Erinnerung an ihre ehemalige Liebe aus – in meinen Augen leider etwas zu eintönig und fade und gerade in der zweiten Hälfte des Buches, in der plötzlich noch ein jahrelanger heimlicher Verehrer von ihr auftaucht, etwas zu konstruiert und für mich nicht klar, welche Bedeutung das genau für die Geschichte haben soll. Einzig in Bezug auf Simones Gedanken zu Kull konnte mich ihre Perspektive wirklich fesseln – einerseits fand diese Herbert extrem abstoßend und sonderbar, andererseits fühlte sie auch so etwas wie Mitleid für ihn.

Besonders in sich hat es das Ende – hier treffen alle vorangegangenen Details aufeinander und führen zu einer Explosion, mit der ich nicht wirklich gerechnet hatte, die sich aber unfassbar gut in das Gesamtgeschehen einfügt – womöglich sogar den einzig logischen Schluss bildet und auch nach Zuschlagen des Buches noch nachwirkt und einen darüber nachdenken lässt, welch enormen Einfluss Geschehnisse aus der Kindheit auf unser späteres Leben haben können. Ich vergebe 3.5 von 5 Sternen.

Vielen Dank an den Riverfield Verlag für das Zusenden dieses Rezensionsexemplares!

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