Bücher · Rezension

[Rezension] Jennifer Niven: „All die verdammt perfekten Tage“


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Jennifer Niven/ „All die verdammt perfekten Tage“
Limes Verlag, 28.12.2015
391 Seiten, Paperback, 14,99€

SZ Inhalt

Ist heute ein guter Tag zum Sterben?, fragt sich Finch, sechs Stockwerke über dem Abgrund auf einem Glockenturm, als er plötzlich bemerkt, dass er nicht allein ist. Neben ihm steht Violet, die offenbar über dasselbe nachdenkt wie er. Von da an beginnt für die beiden eine Reise, auf der sie wunderschöne wie traurige Dinge erleben und großartige sowie kleine Augenblicke – das Leben eben. So passiert es auch, dass Finch bei Violet er selbst sein kann – ein verwegener, witziger und lebenslustiger Typ, nicht der Freak, für den alle ihn halten. Und es ist Finch, der Violet dazu bringt, jeden einzelnen Moment zu genießen. Aber während Violet anfängt, das Leben wieder für sich zu entdecken, beginnt Finchs Welt allmählich zu schwinden…

SZ Meine Meinung

 „All die verdammt perfekten Tage“ ist eine Achterbahn der Gefühle für mich gewesen. Das Debüt von Jennifer Niven hat es geschafft, sämtliche Emotionen in mir zu wecken und authentische Protagonisten zu erschaffen, mit denen ich oftmals am liebsten befreundet gewesen wäre. Dabei hatte ich zwar einige Male auch das Gefühl, das, was ich gelesen habe schon mal in derselben oder einer ähnlichen Form in anderen Büchern gelesen zu haben („The Fault in Our Stars“/“Eleanor and Park“), aber irgendwie stieß das nie negativ auf – die Beziehung zwischen Violet und Finch war dennoch einzigartig und besonders und traurigschön.

Die Geschichte wird abwechselnd jeweils aus der Sicht von Violet und Finch erzählt und gerade das ist es, was einen in diesen Strudel aus lauter unterschiedlichen Gefühlen wirft – einen Augenblick noch lacht man nahezu Tränen, eine Seite später schon fließen ebendiese, weil es so traurig und schrecklich und schön ist. Die beiden Protagonisten haben beide ihr Päckchen zu tragen – Violet leidet noch immer darunter, das ihre ältere Schwester bei einem Autounfall ums Leben kam, Finch leidet unter seiner Familie und damit einhergehenden psychischen Problemen. Beide suchen ihren Platz im Leben, suchen echte Freundschaft. Die Begegnung auf dem Glockenturm war eher zufälliger Natur, aber der Wegweiser für ihre weitere Beziehung – denn welche gewöhnliche Bekanntschaft beginnt schon auf dem Dach eines Turmes, kurz vor dem Sprung?

Ich muss gestehen, sowohl Finch als auch Violet waren mir anfangs etwas unsympathisch. Violet, weil sie für mich irgendwie zu eindimensional und der klassische Fall von „eigentlich beliebtes und lebensfrohes Mädchen fängt nach einem tragischen Ereignis an, sich von allen abzuschotten und über ihr Leben zu philosophieren“. Finch dagegen war mir einfach zu aufgedreht und gerade die Art und Weise, auf die er versuchte, Violet für sich zu erobern, fand ich unerträglich übertrieben – wäre ich an Violets Stelle gewesen, hätte ich es jedenfalls ziemlich gruselig und auch nervtötend gefunden. Mein erster Eindruck revidierte sich schnell – Finch blieb zwar überdreht, aber auf eine positivere Art und Weise und gerade auch, nachdem man sein Umfeld, insbesondere seine Familie etwas kennen gelernt hatte und tiefer in seine Gedankenwelt eingedrungen war, konnte ich ihn viel besser verstehen und sein Verhalten nachvollziehen. Dabei war es besonders positiv, dass das Buch aus der Ich-Perspektive geschrieben war. Auch Violet wurde mir während des Lesens immer sympathischer und sie blieb glücklicherweise nicht so eindimensional, wie ich anfangs befürchtete.

Jennifer Niven möchte mit diesem Buch aufrütteln und zum Nachdenken anregen und meiner Meinung nach ist ihr das auch ziemlich gut gelungen. In den Köpfen vieler Menschen steckt noch immer die Vorstellung, dass Krankheiten nur dann echte Krankheiten sind, wenn sie äußerlich erkennbar sind, wie ein gebrochenes Bein oder aber, wenn sie sich mit einem Fieberthermometer messen lassen. Dass Personen auch physisch kaputt gehen können, ohne, dass es auf dem ersten Blick einen Grund dafür gibt, mögen viele gar nicht realisieren. Für Finch, der in einer lieblosen Familie groß geworden ist – der Vater extrem gewaltbereit, die Mutter zerstreut und desinteressiert – ist es deshalb besonders schwer gewesen, mit den eigenen (negativen) Gefühlen und Gedanken umzugehen. Niven hat authentisch dargezeichnet, wie sehr diese Gedanken das Leben einer depressiven Person beeinflussen können und wie instabil und haltlos man dadurch werden kann. Natürlich will ich nicht zu viel verraten, aber ich finde es besonders gut, dass der Roman nicht das typische Märchen ist – und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute -, sondern dass die Geschichte gerade von den Höhen und Tiefen lebt und dass man nicht jedes Loch kitten kann. Gerade dadurch hat das Buch für mich einige Pluspunkte sammeln können, weil es zumindest für mich einfach nicht überzeugend ist, wenn sich am Ende eines Buches stets alle Probleme in Luft auflösen.

Emotional gesehen, war dieses Buch definitiv eines meiner Highlights in diesem Jahr. Ich komme allerdings nicht umhin, zu sagen, dass ich gerade zu Beginn einige klitzekleine Probleme mit dem Einstieg hatte – der Schreibstil war toll, aber irgendwie anfangs doch etwas holprig und ich brauchte, wie oben schon erwähnt, auch meine Zeit, bis ich mit den Charakteren warmgeworden bin. Ich lege das Buch dennoch jedem ans Herz, der gerne Contemporary liest und auch vor ernsteren Themen keinen großen Bogen macht. Gerade psychische Krankheiten werden in unserer Gesellschaft einfach viel zu oft totgeschwiegen, weswegen dieses Buch helfen kann, das Bewusstsein dafür zu schärfen. Von mir gibt es daher 4 von 5 Sternen und eine große Leseempfehlung.

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2 Kommentare zu „[Rezension] Jennifer Niven: „All die verdammt perfekten Tage“

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