Bücher · Rezension

[Rezension] Eleanor Catton: „Die Gestirne“


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Eleanor Catton/ „Die Gestirne“
btb Verlag, 09.11.2015
1040 Seiten, Hardcover, 24,99€

Inhalt

In einer Hafenstadt an der wilden Westküste Neuseelands gibt es ein Geheimnis. Und zwei Liebende, die einander umkreisen wie Sonne und Mond.

Als der Schotte Walter Moody im Jahr 1866 nach schwerer Überfahrt nachts in der Hafenstadt Hokitika anlandet, trifft er im Rauchzimmer des örtlichen Hotels auf eine Versammlung von zwölf Männern, die eine Serie ungelöster Verbrechen verhandeln. Und schon bald wird Moody hineingezogen in die rätselhaften Verstrickungen der kleinen Goldgräbergemeinde, in das schicksalhafte Netz, das so mysteriös ist wie der Nachthimmel selbst.

Meine Meinung

Dieses Buch ist vermutlich nicht nur das dickste Buch, das ich seit längerem gelesen habe, es ist gleichzeitig möglicherweise auch eines der brillantesten, die ich überhaupt je gelesen habe – auch wenn ich es nicht einmal vollständig durchdrungen habe, denn die astronomischen Grafiken und teilweise auch die Ausführungen dazu riefen in mir das ein oder andere Fragezeichen hervor, haben mich in meinem Lesevergnügen jedoch absolut gar nicht gestört.Würde man mich allerdings fragen, worum es in dem Buch denn ginge und ob ich nicht mal kurz schildern könne, was genau passiert – ich könnte es nicht. Auf diesen 1040 Seiten passiert so unfassbar viel, es tauchen zahlreiche Schlüsselfiguren auf und alles und jeder ist so miteinander verwoben und verflochten, dass es mir einfach nicht möglich ist, die Geschichte richtig zu fassen und in wenigen Sätzen wiederzugeben – ich will es aber trotzdem einmal versuchen.

Die Geschichte der Gestirne spielt zur Goldgräberzeit in Neuseeland – viele junge Männer machten sich zu der Zeit auf den Weg dorthin, in der Hoffnung auf Gold und damit einhergehendem Wohlstand. Auch der Schotte Walter Moody ist einer dieser erwartungsfrohen Männer, der sich Anfang 1866 in Hokitika einfindet, hier aber nicht wie erwartet auf eine Goldader stößt, sondern auf eine scheinbar willkürliche Versammlung von zwölf Männern, die dabei sind, all die Geheimnisse und Verbrechen, die ihre kleine Stadt in der letzten Zeit heimgesucht haben, aufzuklären und eine plausible Lösung für all das zu finden – für den Tod eines scheinbar bedeutungslosen Säufers und dem plötzlichen Auftauchen seiner unbekannten Witwe, über die Tatsache, dass sich in seiner Hütte ein unerklärliches Vermögen befunden hat, über das Verschwinden eines jungen Mannes und die Mysterien, die sich um eine opiumsüchtige Hure ranken, um den fragwürdigen und durchtriebenen Kapitän eines Schiffes und über noch so vieles mehr. Im Laufe der Geschichte finden sich zwar immer wieder Antworten auf all diese Geheimnisse, aber die Fragezeichen werden deswegen nicht weniger, weil es gleichzeitig auch immer wieder neue Erkenntnisse gibt und ach, es fällt mir so schwer, Worte zu finden für diese unglaublich dicht gestrickte Geschichte, in der nahezu jeder mit jedem verbunden ist und sich jeder Handlungsstrang immer und immer und immer wieder mit denen der anderen verwebt und letztendlich ein undurchdringliches Gefüge ergibt, das dem Leser wirklich auf jede Frage eine Antwort bietet.

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Für mich sticht allerdings nicht nur die Grandiosität dieser dichten Geschichte hervor, sondern insbesondere der Schreibstil – Eleanor Catton ist noch eine so junge Frau und Autorin und dennoch hat sie einen unheimlich ausgereiften und wunderbaren Schreibstil, der sehr ausführlich und malerisch und einfach gekonnt ist und den Anschein erweckt, als hätte dieses Buch ein erfahrener Autor und nicht eine so junge Frau, wie sie es ist, geschrieben. An dieser Stelle muss auch ein großes Lob an die Übersetzerin, Melanie Walz, ausgesprochen werden, der eine fantastische Übersetzung gelungen ist. Das ganze Buch ließ sich angenehm lesen und war vor allem auch dank der ausgeschmückten Sätze so schön zu lesen – es hat einfach richtig Spaß gemacht und sich wie ein echtes Meisterwerk angefühlt! Dabei spielt wohl auch die Wahl eines auktorialen Erzählers für die Schilderung dieses Romans eine große Rolle – denn bei einer so großen Palette an Protagonisten wäre es wirklich schade gewesen, immer nur in den Kopf eines einzigen schauen zu dürfen. Dadurch blieben die Figuren auch nicht nur oberflächlich, sondern gewannen an Tiefe, was gerade bei der Vielzahl an Figuren half, den einen vom anderen unterscheiden zu können und nicht den Faden zu verlieren. Besondere Erwähnung verdient an dieser Stelle auch die Tatsache, dass jeder der Charaktere unglaublich individuell und authentisch war und stets nachvollziehbar handelte.

Speziell war auch der Aufbau des Buches: Eingeteilt in zwölf Teile und diese auch nochmal unterteilt in mehrere Abschnitte, waren diese zu Beginn des Buches noch unfassbar lang (allein der erste Teil dehnt sich über fast 500 Seiten aus) und nahmen dann von Teil zu Teil immer mehr an Länge ab (- mathematisch gesehen verkürzte sich die Seitenzahl von Teil zu Teil immer um die Hälfte). Zu Anfang eines jeden Kapitels wurde außerdem kursiv kurz darauf hingewiesen, worum es im jeweiligen Kapitel gehen würde – war diese Anmerkung zu Beginn immer sehr knapp, wurde sie in den letzten Teilen sogar länger als das eigentliche Kapitel. Gerade die letzten Teile und Kapitel wirkten durch ihre Kürze sehr abgehetzt und hektisch, vieles wurde nur noch angedeutet, ergab sich aber stets aus den Ausführungen aus den vorangegangenen Teilen, sodass der Leser nicht mit Fragezeichen zurückgelassen wurde.

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Ganz sicher bin ich mir nicht, ob ich die astronomischen Aspekte verstanden habe. Es hat dem Verständnis der Geschichte keinen Abbruch getan, aber ich wünschte trotzdem, ich wäre schlauer aus den Kreisdiagrammen zu Beginn des jeweiligen Teiles und auch aus den Überschriften der Kapitel – „Merkur im Schützen“ beispielsweise – geworden.

Fazit

„Die Gestirne“ ist ein außergewöhnliches und komplexes Buch, das mit einer fesselnden Geschichte und einem noch fesselnderem Schreibstil aufwartet und das einen mit interessanten Charakteren und noch interessanteren Handlungssträngen in seinen Bann zieht. Dieses Buch ist Krimi und historischer Roman in einem und wirkte auf mich unfassbar authentisch. Die 1040 Seiten wirken anfangs zwar bedrohlich – zum Schluss hätte ich mir aber gerne sogar noch mehr Seiten gewünscht, weil ich mich aus dem Neuseeland des 19. Jahrhunderts und den von Eleanor Catton geschaffenenen Figuren einfach nicht verabschieden wollte. Trotz allem war mir das Ende, das zwar keine Fragen offen ließ, aber trotzdem einfach so hastig und übereilt war und nicht einmal mehr einen kleinen Ausblick auf das zukünftige Schicksal der Charaktere gewährte, einfach ein zu abruptes, weswegen das Buch von mir 4.5 von 5 Sternen und eine große Leseempfehlung bekommt!

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10 Kommentare zu „[Rezension] Eleanor Catton: „Die Gestirne“

    1. Ich muss sagen, ich war anfangs so skeptisch, ob das wirklich ein Buch für mich wäre, aber es ist wirklich ein Meisterwerk und gleich nach dem Beenden hatte ich Lust, es gleich nochmal von vorne zu lesen! :D

  1. Ich schleiche schon lange um das Buch herum, weil ich es wirklich schwer finde, Romane zu finden, die in Australien oder Neuseeland angesiedelt sind und ohne Auswanderer-Kitsch auskommen. Aber nach deiner Rezension glaube ich, dass ich dem Buch sehr bald eine Chance geben sollte. Es klingt erfrischend anders und sehr interessant. Ich hoffe, ich kann es bald bei mir einziehen lassen :)

    Liebe Grüße,
    Sarah

    1. Das stimmt, ich glaube, ich habe bisher kaum ein Buch gelesen, das in Australien oder Neuseeland spielt und auch die Zeit, in der das Buch spielt, ist eine eher untypische Zeit. Der Roman ist wirklich außergewöhnlich und mir fällt gar kein vergleichbares Buch ein – ich hoffe, du kannst es bald lesen und dich vielleicht sogar genauso darin verlieben, wie ich! :)

  2. Ich lese das Buch gerade und bisher muss ich mich anschließen. Die ganzen astronomischen Details erschließen sich mir zwar auch nicht alle, aber die Geschichte ist so toll verwoben.. und der Schreibstil. *schwärm*
    Ich bin so gespannt wie sich das alles noch entwirren wird. ^^

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