Bücher · Rezension

[Rezension] Linda Winterberg: „Das Haus der verlorenen Kinder“


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Linda Winterberg / „Das Haus der verlorenen Kinder“
Aufbau Verlag, 18.04.2016
Broschiert, 512 Seiten, 12,99€

Inhalt

Nimmt man einer Mutter ihr Kind … Norwegen, 1942: In dem kriegsgebeutelten Land verlieben sich Lisbet und ihre Freundin Oda in die falschen Männer – in deutsche Besatzungssoldaten. Die verbotene Liebe fordert einen hohen Preis, und die beiden Frauen drohen alles zu verlieren: ihre Familien, ihre Geliebten – und die Kinder, die sie erwarten. Nach der Geburt werden sie ihnen von den Deutschen genommen. Erst lange Zeit später, als die junge Deutsche Marie in Wiesbaden einer besonderen alten Dame namens Betty begegnet, findet sich ihre Spur. Eine dramatische Geschichte um zwei junge Frauen in Norwegen im Zweiten Weltkrieg, deren Schicksal bis in die Gegenwart reicht.

Meine Meinung

In der Zeit des zweiten Weltkrieges tun sich für mich immer wieder neue Kapitel auf, von denen ich noch nie oder nur oberflächlich gehört habe. Auch in diesem Buch steckte eine mir unbekannte Geschichte, die mich beim Lesen innehalten ließ, mich aber auch direkt an das Buch fesselte. Dreh- und Angelpunkt sind Lisbet und Oda, die sich beide in deutsche Soldaten verliebten, die in ihrer Heimat Norwegen stationiert wurden und von denen sie schwanger wurden. Parallel dazu gibt es auch noch einen Handlungsstrang, der mehr oder weniger in der Gegenwart (2005) spielt und der nach und nach das Puzzle aufdeckt, was denn tatsächlich 1941/42 in Norwegen geschah und was es mit dem Geheimnis der Tyskerbarna auf sich hatte.

„Das Haus der verlorenen Kinder“ ist das erste Buch, das Nicole Steyer unter dem Pseudonym Linda Winterberg veröffentlichte. Auf die Thematik stieß sie auf einer Reise nach Norwegen – diese ließ sie dann nicht mehr los und nach einiger Recherche entstand dann dieser Roman. Es werden gleich zu Beginn einige Verbindungen und Dinge ziemlich offensichtlich – das hinderte mich ehrlich gesagt aber nicht daran, weiterzulesen, denn es gab noch genügend Geheimnisse, die die Autorin bis zur letzten Seite offenließ und die sich tatsächlich erst ganz zum Schluss der Geschichte offenbarten. Was mich allenfalls störte, war, dass die Verbindungen zwischen den Charakteren teilweise zu konstruiert auf mich wirkten und mir das zwischenzeitlich fast schon zu viel des Guten war, weil die Zusammenhänge so gehäuft klar wurden. Es ist kein wirklicher Kritikpunkt, denn ich habe das Buch trotzdem sehr genossen, aber irgendwie fiel es mir doch auf. Die Autorin hat dennoch einen sehr fesselnden Schreibstil und ich war besonders beeindruckt davon, wie es ihr gelang, Realität und Fiktion auf eine so emotionale und packende Weise miteinander zu verknüpfen.

Was mich immer wieder aufrüttelt, wenn ich von Geschichten aus dem zweiten Weltkrieg lese, ist, wie wenig ich eigentlich über diese Zeit weiß. Ich lese gerne aus dem Genre und auch in der Schule haben wir uns intensiv mit der Grausamkeit dieser Zeit beschäftigt, aber trotzdem gibt es immer noch so viele Dinge, die mir einfach nicht klar waren, von denen ich absolut nichts wusste. Dass die deutschen Soldaten quasi vorsätzlich nach Norwegen geschickt wurden, um – jetzt mal ganz salopp ausgedrückt – norwegische Mädchen, die die „arische Rasse“ am besten repräsentieren, zu verführen und Nachwuchs zu zeugen. Die „Deutschenmädchen“ wurden in solchen Fällen oftmals von ihren Familien und Bekannten verstoßen, hatten kein Heim und keine Arbeit und so war es ganz zweckdienlich, dass die Deutschen Einrichtungen schufen, in denen die norwegischen Mädchen ihre Kinder gebären und gegebenenfalls zur Adoption nach Deutschland freigeben konnten. Dass da so ein ausgeklügeltes System hintersteckte, war mir einfach nie so wirklich bewusst und Linda Winterberg hat genau dies in ihrem Roman unglaublich gut erforscht und in die fiktive Handlung eingefügt.

Ich glaube, dass mir gerade deswegen auch der Teil der Handlung, der in den 40ern spielte, wesentlich besser gefiel, als der Gegenwartsstrang. Das lag unter anderem aber auch an den Charakteren. Mit Marie wurde ich einfach so gar nicht warm – sie blieb für mich bis zum Schluss eine ziemlich unsympathische Figur und besonders genervt war ich, wenn sie wieder einmal über das Essverhalten einer ihrer Mitmenschen herzog. Wäre das einmal vorgekommen – okay, aber es häufte sich doch zu sehr und bei solchen Dingen bin ich einfach immer sofort missmutig. Aber nicht nur deswegen war mir Marie unangenehm – irgendwie war sie mir allgemein einfach zu anstrengend und egoistisch und hatte in meinen Augen einfach keine (angenehme) Persönlichkeit. Vielleicht lag das aber auch an ihrer nicht allzu einfachen Vergangenheit. Generell war mir der Gegenwarts-Part teilweise zu konstruiert und mindestens einen der Handlungsstränge aus der Gegenwart hätte man getrost weglassen können, da er nichts wirklich zur Handlung hinzufügte. Mit den anderen Figuren wurde ich insgesamt aber viel eher warm und ganz besonders Lisbet war eine wunderbare Persönlichkeit, mit der ich tatsächlich die ganze Zeit mitfühlte und mitlitt.

„Das Haus der verlorenen Kinder“ war für mich ein wirklich authentischer und emotionaler Roman, der gekonnt zwischen Gegenwart und Vergangenheit balancierte und voller Geheimnisse steckte, die erst nach und nach aufgedeckt wurden. Die Geschichte berührte mein Herz, war tieftraurig und schön und hat mir wieder einmal die Augen geöffnet, was die Geschehnisse in der Zeit des zweiten Weltkrieges betrifft. Von mir gibt es daher 4 von 5 Sternen.

 Vielen Dank an den Aufbau-Verlag für das Zusenden dieses Rezensionsexemplares!

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