Bücher · Rezension

[Rezension] Eleanor Catton: „Die Anatomie des Erwachens“


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Eleanor Catton / „Die Anatomie des Erwachens“ (eng. „The Rehearsal)
btb Verlag, 11.07.2016
400 Seiten, Broschiert, 10,99€

Inhalt

Die siebzehnjährige Victoria hat eine Affäre mit ihrem Musiklehrer. Ihre Freundinnen sehen sich durch dieses unerhörte Ereignis auf einen Schlag mit der Macht ihrer Weiblichkeit konfrontiert. Plötzlich stehen die Mädchen im Rampenlicht der Öffentlichkeit, in dem die kleinste Bewegung zu einer Darbietung wird und das noch den intimsten Ort in eine Bühne verwandelt. In der Theaterklasse kommt jemand auf die Idee, ein Stück über Victoria und den Musiklehrer zu inszenieren. Die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen geraten unerbittlich in Auflösung. Und schließlich kommt es zwischen Realität und Spiel zur Kollision. Die Anatomie des Erwachens erzählt vom sexuellen Erwachen und von der damit einhergehenden Entfesselung von Kräften, die schwer zu verstehen und noch schwerer zu bändigen sind.

Meine Meinung

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich „Die Anatomie des Erwachens“ lesen möchte oder nicht. Nachdem ich von „Die Gestirne“ so unglaublich begeistert war und noch heute oft daran denken muss, war ich hin und hergerissen, ob ich mich nun auch an den Debütroman der talentierten Eleanor Catton wagen sollte. Dagegen sprach für mich vor allem eins, nämlich dass „Die Anatomie des Erwachens“ so ganz anders klang, als ihr preisgekrönter zweiter Roman. Ich wollte trotzdem nichts unversucht lassen und gab mich meiner Neugier hin, doch leider hat sich meine Befürchtung mehr oder weniger als wahr erwiesen.

„Die Anatomie des Erwachens“ verwebt zwei parallele Handlungsstränge miteinander, aber das ist auch, neben Eleanor Cattons großartigen Schreibstil, die einzige Gemeinsamkeit zu „Die Gestirne“. Einer dieser Handlungsstränge begleitet eine handvoll junger Mädchen, die alle Unterricht bei derselben Saxofonlehrerin nehmen und auf dieselbe Schule gehen, wo sich auch der Skandal – eine Schülerin hatte eine Affäre mit ihrem Musiklehrer – begeben hat. Der andere Handlungsstrang begleitet Stanley, der sein erstes Jahr an einer angesehenen Schauspielschule antritt, deren Erstsemester zum Ende des Semesters ein eigenes Theaterstück aufführen soll. Zuerst scheinen diese Handlungen sich überhaupt nicht zu berühren, sondern existieren einfach nur nebeneinander, aber im Laufe des Romans gibt es immer mehr Schnittstellen, bis die Stränge zum Schluss nahezu ineinanderfließen. Anders als bei ihrem zweiten Roman, gibt es in „Die Anatomie des Erwachens“ meiner Meinung nach aber ein viel zu offenes Ende, für mich hat das Buch auf seinem Höhepunkt aufgehört und mich als Leser ein wenig fallen lassen.

Besonders enttäuscht war ich außerdem davon, wie blass die Charaktere blieben. Immer wieder tauchten wir in ihre Fantasien und Gedanken ein und ich hatte bis zum Schluss dennoch das Gefühl, aus keiner so wirklich schlau geworden zu sein. Zwischenzeitlich fühlte es sich an, als wäre alles, das ganze Buch an sich, nur ein Theaterstück – die Chraktere inszenierten sich immer wieder, setzten Masken auf, schlüpften in andere Rollen und die Erwachsenen – das heißt die Saxofonlehrerin und die Dozenten an der Schauspielschule – waren die Strippenzieher, die die Jugendlichen in eine bestimmte Richtung manipulieren wollten. Für mich war es deswegen auch schwer, auseinanderzuhalten, was und wieviel davon jetzt tatsächlich geschehen ist und was die Figuren sich nur in ihrer Fantasie ausgemalt haben. Wirklich sympathisch war mir jedenfalls keine von ihnen, das Ganze war viel zu unnahbar und undurchsichtig – ich wurde einfach nicht schlau aus vielen Szenen.

Das alles klingt nun sehr negativ, aber es gab auch einiges, was ich an dem Buch mochte. An erster Stelle muss in dieser Hinsicht auf jeden Fall der Schreibstil genannt werden. Es ist einfach Wahnsinn, über was für ein sprachliches Talent Eleanor Catton schon in ihren jungen Jahren verfügt. Jeder Satz ist ein Kunstwerk für sich und ich habe das Lesen – trotz der doch recht wirren Handlungsstränge – sehr genossen. Gerade die Dialoge/Monologe waren mir aber auch schon fast zu philosophisch teilweise, vor allem wenn man bedenkt, dass es sich überwiegend um ganz gewöhnliche Teenager handelte. Wenn man diese Gedanken aber ein wenig beiseite schiebt, erwartet einen ein wirklich einmaliges Leseerlebnis, das sprachlich wahrhaftig überwältigend ist.

Mit „Die Anatomie des Erwachens“ ist Catton ein komplexes und unheimlich treffend und schön geschriebenes Buch gelungen. Für mich bleibt es aber von der Handlung her leider trozdem meilenweit hinter dem zurück, was sie in „Die Gestirne“ geschaffen hat. Trotz allem würde ich dieses Leseerlebnis nicht missen wollen, vor allem nicht die klugen und interessanten Gedanken, die in Bezug auf die Schüler-Lehrer-Affäre gefällt wurden. Endgültig überzeugen konnte mich der Roman aber leider nicht, sodass es von mir nur 2.75 Sterne gibt, ich aber erwartungsvoll auf einen neuen Roman dieses Sprachtalents warte.

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3 Kommentare zu „[Rezension] Eleanor Catton: „Die Anatomie des Erwachens“

  1. Ach wie schade, dass du das jetzt eher nicht so gut fandest. Mich reizt dieser Inhalt nämlich tausend Mal mehr als das „Mondbuch“ ;) Schüler-Lehrer-Beziehungen finde ich immer sehr spannend.

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