Bücher · Rezension

[Rezension] Alessandro D’Avenia: „So unergründlich wie das Meer“


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Alessandro D’Avenia / „So unergründlich wie das Meer“ (ital. „Ciò che inferno non è“)
btb Verlag, 15.08.2016
320 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag, 21,99€

Inhalt

Frederico hat einen großartigen Sommer vor sich, in wenigen Tagen wird er zu einem Studienaufenthalt nach England aufbrechen. Die Welt steht ihm offen. Doch kommt es zu einer Begegnung, die Fredericos Leben umwirft: Don Pino zeigt ihm das Viertel Brancaccio, das fest in der Hand der Cosa Nostra liegt und von rücksichtsloser Gewalt und bitterer Armut geprägt ist. Dem Jungen wird klar, wie wenig er seine eigene Stadt kennt, ihm eröffnet sich durch Don Pinos Augen und dessen Einsatz für die Menschen des Viertels eine neue Welt. Er beschließt in Palermo zu bleiben und zu helfen. Auch die Mafia, die ihn brutal zusammengeschlagen hat und massiv bedroht, kann ihn nicht abhalten, denn er hat sich in die schöne Lucia verliebt, ein Mädchen des Viertels, deren Liebe unerreichbar scheint …

Meine Meinung

Ich glaube tatsächlich, ich habe bisher noch nie ein Buch eines italienischen Schriftstellers gelesen und mit D’Avenias neustem Roman „So unergründlich wie das Meer“ als erstes Italienisches Buch in meinem Leben habe ich sicherlich nichts falsch gemacht. Das Buch erzählt die Geschichte Palermos und seiner Einwohner und das auf so eindringliche und atmosphärische Art und Weise, dass man beim Lesen den Geruch des salzigen Meeres förmlich riechen und die in den Gassen Fußball spielenden Kinder laut schreien hören kann.

Dabei ist die Geschichte gar nicht so schön wie der Titel vermuten lässt, denn D’Avenia nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er über die armen Viertel Palermos schreibt, in denen Kriminalität, Armut und Gewalt auf der Tagesordnung stehen. Der Großteil der Geschichte wid dabei aus der Sicht des Religionslehrers und Pfarrers Don Pino Puglisi und aus der seines Schülers Federico geschildert. Dieser begleitet ihn zu einem seiner Besuche in Brancaccio, dem Viertel, das vermutlich das gefährlichste in Palermo ist. Hier arbeitet und kämpft Don Pino tagtäglich gegen die Armut, die Zukunftsängste der Bürger, vor allem aber auch gegen die Mafia. Sein größter Wunsch ist es, eine Schule für all die Kinder des Viertels zu bauen, um sie vor einer Zukunft voller Kriminalität zu bewahren, was ihm allerdings Feinde beschert, die unberechenbarer nicht sein könnten.

Was beim Lesen sofort auffällt, ist der Schreibstil des Italieners. Jeder Satz ist ein Gedicht und oftmals vielschichtiger, als es auf dem ersten Blick vermuten lässt. Trotz der schweren Kost, die D’Avenia auftischt, machte es unheimlich große Freude weiterzulesen, weil fast jeder Satz einfach so schön war und direkt ins Herz traf. Viele Sätze musste ich mehrmals lesen, um sie vollends zu erfassen, weil einfach so viel mehr darin steckte, als bloße Worte. Es fällt mir schwer, es in Worte zu fassen, aber D’Avenias Schreibstil hat es mir wirklich angetan und ist etwas ganz Besonderes. In dieser Hinsicht muss auch unbedingt der Übersetzerin Verena v. Koskull für die gelungene und fließende Übertragung ins Deutsche ein Lob ausgesprochen werden.

Trotz des spannenden Inhalts, der liebenswerten Charaktere und des dichterischen Schreibstils hatte ich allerdings das ein oder andere Problem mit dem Buch. Für mich war vieles zu knapp und einfach gehalten, ich hatte das Gefühl, dass D’Avenia eine schwarz-weiße Welt präsentiert hat ohne daran zu denken, dass es auch noch unendlich viele Grautöne gibt. Es war das Böse (die Mafia) gegen das Gute (die Kirche/Gott) und es auf diese zwei Faktoren herunterzubrechen erscheint mir schlichtweg als die zu einfach Lösung. Außerdem mochte ich Don Pino zwar sehr und fand ihn unglaublich klug, aber einige seiner Aussagen waren mir dann doch zu plakativ und simpel. Gerade wenn man der Kirche etwas kritischer gegenübersteht fällt es sehr schwer, solche Aussagen nicht zu hinterfragen oder sogar leicht genervt davon zu sein. Dazu kommt, dass mir viele Entwicklungen teilweise zu schnell gingen und ich mir oftmals eine intensivere Auseinandersetzung mit der Gefühlswelt der Figuren gewünscht hätte.

Aus diesen Gründen erhält „So unergründlich wie das Meer“ von mir auch „nur“ 3 von 5 Sternen – das Buch hat mir vielfach die Augen etwas geöffnet und hat mich mit seinem atmosphärischen und künstlerischen Schreibstil um den Finger gewickelt, konnte mich aber inhaltlich und vor allem emotional nicht völlig mitreißen, weil die Distanz zu den Charakteren einfach zu groß war. Nichtsdestotrotz ist dieser Roman empfehlenswert – insbesondere für diejenigen unter euch, die einen einzigartigen Schreibstil zu schätzen wissen und gerne auch Bücher lesen, die zum Nachdenken anregen und den Horizont ein klitzekleines bisschen erweitern. Für mich war „So unergründlich wie das Meer“ ein solches Buch und ich denke, ich werde auch noch die vorherigen Bücher D’Avenias lesen.

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Ein Kommentar zu „[Rezension] Alessandro D’Avenia: „So unergründlich wie das Meer“

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