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[Rezension] Han Kang: „Die Vegetarierin“


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Han Kang / „Die Vegetarierin“
Aufbau Verlag, 15.08.2016
Gebunden mit Schutzumschlag, 18,95€

Inhalt

Yeong-Hye und ihr Ehemann sind ganz gewöhnliche Leute. Er geht beflissen seinem Bürojob nach und hegt keinerlei Ambitionen. Sie ist eine zwar leidenschaftslose, aber pflichtbewusste Hausfrau. Die angenehme Eintönigkeit ihrer Ehe wird jäh gefährdet, als Yeong-Hye beschließt, sich fortan ausschließlich vegetarisch zu ernähren und alle tierischen Produkte aus dem Haushalt entfernt. »Ich hatte einen Traum«, so ihre einzige Erklärung. Ein kleiner Akt der Unabhängigkeit, aber ein fataler, denn in einem Land wie Südkorea, in dem strenge soziale Normen herrschen, gilt der Vegetarismus als subversiv. Doch damit nicht genug. Bald nimmt Yeong-Hyes passive Rebellion immer groteskere Ausmaße an. Sie, die niemals gerne einen BH getragen hat, fängt an, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen und von einem Leben als Pflanze zu träumen. Bis sich ihre gesamte Familie gegen sie wendet.

Die Vegetarierin ist eine kafkaeske Geschichte in drei Akten über Scham und Begierde, Macht und Obsession sowie unsere zum Scheitern verurteilten Versuche, den Anderen zu verstehen, der ja doch, wie man selbst, Gefangener im eigenen Leib ist. Der Roman wurde mit dem Man Booker International Prize 2016 ausgezeichnet.

Meine Meinung

Ich weiß nicht genau, was es ist, das asiatische Literatur für mich immer zu einem ganz besonderen Lesegenuss macht. Vielleicht ist es die subtile Art und Weise des Erzählens, die Kunst, mit wenigen einfachen Worten viel und doch nichts zu sagen, das Zwischen-den-Zeilen-lesen, sich-Gedanken-machen-müssen, weil einem die Antworten nicht auf einem Silbertablett serviert werden. Auch „Die Vegetarierin“ ist ein solch außergewöhnliches und ganz spezielles Buch.

Im Fokus steht Yong-Hye, eine durchschnittliche und unspektakuläre Frau, die sich nach einem seltsamen Traum dazu entschließt, fortan vegetarisch zu leben worauf ihr Umfeld mit absolutem Unverständnis reagiert. Über Yong-Hyes Gedanken und die Beweggründe ihres Entschlusses erfährt man nur sehr wenig, stattdessen ist das Buch in drei Teile gegliedert: Der erste wird aus der Perspektive von Yong-Hyes ziemlich unysmpathischen und egoistischen Ehemann erzählt, der ohnehin nicht besonders viel für seine Frau übrig hat und ihren Entschluss, vegetarisch zu leben, ablehnend und sogar mit einer gewissen Abscheu gegenübersteht. Der zweite Teil schildert die Geschichte aus den Augen von Yong-Hyes Schwager, der von der Vegetarierin fasziniert ist und sich sogar von ihr angezogen fühlt, was fast schon in eine Besessenheit ausartet. Der letzte Teil enthält die Sicht von Yong-Hyes Schwester, die um den Gesundheitszustand ihrer jüngeren Schwester, der sich inzwischen drastisch verschlechtert hat, besorgt ist und gleichzeitig beginnt, ihr eigenes Leben und ihre Entscheidungen zu hinterfragen. Ich kann gar nicht genau sagen, welcher der Teile mein liebster war, da mir alle gleichermaßen gefielen und ich gerade das Zusammenspiel extrem vielseitig und interessant fand.

Wer bei diesem Buch einen ganz gewöhnlichen Roman erwartet, der wird womöglich enttäuscht. Das Buch ist unheimlich fesselnd und gut geschrieben, aber dennoch sehr abstrus und teilweise sogar ein wenig verstörend. Wer mit einer moralischen Auseinandersetzung mit dem Thema Vegetarismus rechnet, kommt hier sicher nicht auf seine Kosten, denn es geht vielmehr um die Psyche des Menschen, um die Reaktionen des Umfelds auf die Entscheidung vegetarisch zu leben, um das Abweichen vom ‚Normalsein‘ und darum, ab wann man eigentlich verrückt ist. In der Hinsicht darf man allerdings auch nicht den Aspekt außer Acht lassen, dass das Buch in Südkorea spielt und die gesellschaftliche Haltung in Bezug auf Vegetarismus dort eine ganz andere ist als bei uns. Im Laufe des Buches macht Yong-Hye eine Veränderung durch, die extrem ist und die sich bis zum Schluss nicht richtig fassen lässt, die mich aber trotzdem sehr bewegt hat und auch zum Nachdenken angeregt hat. Dabei fand ich auch In-Hyes Gedanken, also die der Schwester, sehr interessant, die im letzten Teil einen größeren Raum eingenommen haben und sich insbesondere mit ihrem eigenem Leben und der Sinnlosigkeit ebendiesem auseinandergesetzt haben. Ich kann trotzdem nicht leugnen, dass das Ende in mir das Gefühl geweckt hat, nicht einmal annähernd alle Antworten auf die Fragen zu bekommen haben, die sich bei mir im Laufe des Buches gestellt haben – ich habe mich tatsächlich etwas verlassen gefühlt.

Insgesamt habe ich an „Die Vegetarierin“ so gut wie nichts auszusetzen und ich bin mir sicher, dass jeder, der gerne asiatische Literatur liest (dabei denke ich insbesondere an Murakami-Fans, zu denen ich mich zähle), auch an diesem Buch Gefallen finden würde. Von mir gibt es 4.5 von 5 Sterne – ich kann absolut verstehen, dass dieses facettenreiche und besondere Buch dieses Jahr den Man Booker Prize International gewonnen hat, den ist einzigartig in jeder Hinsicht und erhält von mir eine große Leseempfehlung!

Vielen Dank an den Aufbau Verlag für das Zusenden eines Rezensionsexemplares!

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6 Kommentare zu „[Rezension] Han Kang: „Die Vegetarierin“

  1. Ich habe bislang schon mehrere Rezensionen zu diesem Buch gelesen und ich habe den Eindruck, selten gingen die Meinungen so auseinander. Die Einen feiern es, die Anderen halten es für völlig überbewertet.

    Ich denke, sicherheitshalber wird „Die Vegetarierin“ wohl an mir vorbeigehen. ;-) Auch aufgrund der Tatsache, dass ich mit dem ersten Teil von „1Q84“ erst ein Buch von Murakami gelesen habe – und auch Jahre später irgendwie immer noch nicht genau weiß, was ich davon zu halten habe. ;-)

  2. Das Buch hat auch schon mein Interesse geweckt und nach deiner Rezension möchte ich es mir auf jeden Fall noch genauer anschauen und mir ein Urteil bilden! :)
    Liebe Grüße
    Maren

  3. Pingback: [Leseplan] Oktober

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