Bücher · Rezension

[Rezension] Jenny Lawson: „Irre glücklich“


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Jenny Lawson / „Irre glücklich“ (engl. „Furiously Happy“)
Kailash Verlag, 17.10.2016
Klappenbroschur, 320 Seiten, 16,99€

Inhalt

Auf ihre unnachahmlich liebenswürdige und verrückte Art beschreibt Jenny Lawson ihren Kampf mit Depressionen und Angststörungen. Indem sie »Ja« zu absurden Möglichkeiten sagt und so alltägliche Momente wundervoll macht, findet sie ihre ganz persönliche Waffe gegen die Krankheit. Ja zu der Liebe zu einem ausgestopften Waschbären, ja zu einer Australienreise, obwohl es sie oft überfordert, auch nur das Haus zu verlassen, ja zu Voodoo-Vaginas, Ponys im Flugzeug und mitternächtlichen Katzenrodeos. In den dunklen Stunden zehrt sie von diesen Erinnerungen – eine Einstellung, die ihr Leben gerettet hat. Mit unendlich viel Humor, Mut und Ehrlichkeit will die Autorin zeigen, dass wir nicht allein sind, und uns die Stärke geben, trotz Depressionen das Leben auszukosten.

Meine Meinung

Ich weiß nicht, ob ich zu viel erwartet habe oder ob das einfach nicht meine Art Humor war aber „Irre glücklich“ von Jenny Lawson hat mich einfach nur irre enttäuscht. Ich bin nicht sicher, ob ich tatsächlich meinen Erwartungen die Schuld zuschieben sollte – denn die waren eigentlich gar nicht so hoch – aber wie kann mir ein Buch, welches 90% der Goodreads-Community überwältigend und unfassbar witzig fand, einfach so gut wie gar nicht gefallen?

Das Buch trägt den Untertitel „Ein unfassbares Überlebenstraining für depressive Zeiten“, aber als ein solches habe ich es absolut gar nicht empfunden. Ich hatte vielmehr das Gefühl, dass es weniger um Jenny Lawson’s Depressionen und Angststörungen ging, als darum, wie oft sie sich über vollkommen belanglose und wirklich dämliche Dinger mit ihrem Mann streitet (der Nerven aus Stahl haben muss, um sie auszuhalten) oder darum, wie sie irgendwelche Tiere ausgestopft oder kindische Belanglosigkeiten mit ihrer Therapeutin ausgetauscht hat. Vieles, was vermeintlich witzig wirken sollte, empfand ich teilweise als sehr unbedacht und ncht gerade feinfühlig und auch wenn ich selbst nicht betroffen bin, wirkten einige Passagen sogar geradezu beleidigend. Nicht in einem böswilligen Sinne, das würde ich der Autorin niemals unterstellen wollen, aber doch ein bisschen so, als hätte sie nicht richtig darüber nachgedacht, was sie da gerade eigentlich schreibt oder als würde sie die Krankheiten nicht wirklich ernst nehmen. Teilweise wirkte es auf mich tatsächlich so, als würde Jenny Lawson ihre psychischen Störungen als Werkzeug dafür nutzen, damit ihre kurzen alltäglichen Stories überhaupt funktionieren und „witzig“ wirken – mein Humor war es aber leider überhaupt nicht. Es ist schön, dass sie auf diese Art und Weise mit ihrer Krankheit umgehen kann und auch die nötige Unterstützung bei Familie und Freunde findet, aber ich konnte einfach das Gefühl nicht abschütteln, als würde sie ihre Krankheit dazu ausnutzen, möglichst komische, fast schon lächerliche Geschichten zu erleben und anschließend zu erzählen.

Dabei hatte das Buch auch einige gute Seiten und zwar jene, in denen Jenny Lawson sich tatsächlich ernsthaft und ehrlich mit ihren Krankheiten auseinandersetzt. Leider machten diese aber höchstens 10% des Buches aus, was ich unfassbar schade fand; auch schade war, dass einige der Anekdoten vielversprechend und nüchtern begannen, dann aber doch wieder in eine unreife und nichtssagende Richtung abdrifteten. Schon nach 100 Seiten war ich zutiefst enttäuscht, weil einfach keine eingehende und aufrichtige Beschäftigung mit den Depressionen erfolgte und Jenny Lawson mir einfach nur wie der unsympathischste und infantilste Mensch auf Erden vorkam, der mit diesen Geschichten verzweifelt nach Aufmerksamkeit und Bestätigung lechzte. Was auch völlig okay ist, nur leider hat sie damit wie gesagt einfach nicht meinen Humor getroffen, was aber ebenfalls okay ist, da sie offenbar dennoch genügend andere Leser mit ihren Alltagsgeschichten zum Lachen bringen konnte.Ich hatte mir nur mehr Kapitel gewünscht, in denen sie offen und ehrlich über ihre Krankheiten redet und nicht versucht diese als Begründung dafür zu benutzen, weshalb sie so unglaublich verrückt und komisch ist. In meinen Augen fehlt es Jenny Lawson ganz sicher nicht am schriftstellerischen Talent, aber an Authentizät, Aufrichtigkeit und irgendwie auch Reife.

Erzählerisches Talent hat Jenny Lawson nämlich auf jeden Fall und ich mochte ihren Schreibstil an sich wirklich gerne, auch wenn ich die Geschichten an sich einfach zu uninteressant und belanglos fand. Ich will auch gar nicht sagen, dass ich das Buch überhaupt gar nicht lustig fand, so ist es auch nicht gewesen, denn Jenny Lawson konnte mich schon ein-, zweimal zum Schmunzeln bringen, aber das reicht einfach nicht aus, um mein Gesamtbild von der Autorin und ihren kurzen Geschichten zu retten. Zum Schluss gingen mir selbst die Überschriften schon auf die Nerven, weil sie teilweise so aufmerksamkeitssuchend waren und irgendwelche überdramatischen oder seltsamen Dinge enthielten, die nur darauf hindeuteten, das eine weitere unerhebliche Geschichte ohne irgendeine sinnvolle Pointe folgen würde. Was als Blog sicherlich gut funktioniert, da die Stories dort häppchenweise portioniert werden, hat für mich in Buchform leider gar nicht geklappt und mir einfach ein Augenrollen zu viel entlockt.


Ich hätte meinen Humor zwar eigentlich nie als anspruchsvoll beschrieben, aber womöglich ist er doch einfach etwas spezieller und weniger einfach zufrieden zu stellen als gedacht. In der Hinsicht sollte meinen Worten aber vielleicht auch gar nicht so viel Gewicht beigemessen werden, denn das Buch erfreut sich generell sehr großer Beliebtheit und es ist in Amerika sicher auch nicht umsonst zum Bestseller geworden. Wer eine eingehende und kritische Beschäftigung mit Depressionen und anderen psychischen Krankheiten sucht, sollte seine Erwartungen aber nicht zu hoch ansetzen, denn „Irre glücklich“ist eher eine Aneinanderreihung von humorvollen Alltagsgeschichten ohne eine tiefere Bedeutung. 2 von 5 Sternen.

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3 Kommentare zu „[Rezension] Jenny Lawson: „Irre glücklich“

  1. Schade, dass das Buch nicht das war, was du dir davon erhofft hast. Ich finde den deutschen Untertitel aber auch super unpassend, weil im Original kein bisschen die Rede davon ist. Danach hätte ich auch gar nicht erwartet, dass es sich ernsthaft mit der Krankheit beschäftigen oder Rätschläge geben würde. Ich lese schon ewig den Blog der Autorin (http://thebloggess.com/) und kenne daher ihren Schreibstil und ihre Art von Humor und ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch dem recht ähnlich ist. Da muss man wohl wissen, worauf man sich einlässt und nicht etwas völlig anderes erwarten, damit es einen überzeugen kann.
    Die deutsche Vermarktung dafür verstehe ich aber wirklich nicht.

  2. Ich habe gestern gerade ihr erstes Buch zuende gehört und ich glaube, du hast es für dich schon ganz gut aufgeschlüsselt: es ist einfach nicht dein Humor. Ich kenne dieses Buch von ihr noch nicht, aber was du beschreibst, klingt ähnlich wie das erste. In dem geht es ja nicht vorrangig um Depressionen (ihre Panikattacken werden erwähnt, aber stehen nicht im Fokus), aber beim zweiten wurde das schon so verkauft. Ich vermute also, dass deine Enttäuschung auch daher rührt. Ich kann es voll verstehen, wenn dir diese Herangehensweise nicht gefällt, ihre Geschichten sind halt schon sehr speziell, aber ich persönlich könnte mich kaputt lachen, v.a. über die Gespräche mit ihrem Mann ;)

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