Bücher · Rezension

[Rezension] Gerhard Jäger: „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“


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Gerhard Jäger / „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“
Karl Blessing Verlag, 26.09.2016
Gebunden mit Schutzumschlag, 400 Seiten, 22,99€

Inhalt

Im Herbst 1950 kommt der junge Wiener Historiker Max Schreiber in ein Tiroler Bergdorf, um einem alten Geheimnis auf den Grund zu gehen. Konfrontiert mit der archaischen Bergwelt und der misstrauischen Dorfgemeinschaft , fühlt er sich mehr und mehr isoliert. In seiner Einsamkeit verliert er sich in der Liebe zu einer jungen Frau, um die jedoch auch ein anderer wirbt. Als ein Bauer unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt, ein Stall lichterloh brennt und der Winter mit ungeheurer Wucht und tödlichen Lawinen über das Dorf hereinbricht, spitzt sich die Situation dramatisch zu. Schreiber gerät unter Mordverdacht und verschwindet spurlos – nur seine Aufzeichnungen bleiben zurück.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später will ein alter Mann endlich die Wahrheit wissen. Von seinen eigenen Schatten verfolgt, begibt er sich auf Spurensuche in die Vergangenheit.

Raffiniert, voller Rhythmus und Poesie erzählt Gerhard Jäger von der Magie, aber auch von der Brutalität eines Ortes, der aus Raum und Zeit gefallen scheint.

Meine Meinung

Nach Lesen eines Buches versuche ich für mich selbst oftmals, das Buch in drei Worten zusammenzufassen. Nach „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ konnte ich aber nur noch an eines denken und das war die bildgewaltige, malerische Sprache, der sich Gerhard Jäger in seinem Debüt(!) bedient hat. Ich war ehrlich gesagt schon länger um das Buch herumgeschlichen, wusste aber nie, ob mich die Geschichte eines Historikers in einem kleinen österreichischen Bergdorf um 1950 wirklich packen könnte. Letztendlich war ich – wieder einmal – doch zu neugierig und musste feststellen: Ja, eine solche Geschichte kann fesselnd sein und mich sogar überraschen.

Die Geschichte beginnt in der Gegenwart mit John Miller, einem 80jährigen amerikanischen Mann, der das Schicksal seines Cousins, der 1951 in einem Tiroler Bergdorf umgekommen sein soll, nachverfolgen und wissen will, was damals eigentlich wirklich passiert ist. Bei seiner Suche im Landesarchiv findet er ein Manuskript seines Cousins, dem Historiker Max Schreiber, das dessen eigene Geschichte erzählt. In das Dorf gekommen, um eigentlich einen Roman über die Verbrennung einer vermeintlichen Hexe vor über 100 Jahren zu schreiben, stößt er bei den Bewohnern nur auf Misstrauen und Ablehnung, sodass sich seine Pläne in Bezug auf sein Buch schnell ändern und er beschließt, stattdessen über sich selbst zu schreiben. Das Misstrauen der Dorfbewohner wächst jedoch weiter, als es zu einem Todesfall im Dorf kommt und Schreiber sich darüber hinaus auch noch in die stumme Maria verliebt, die die Nachfahrin der verbrannten Hexe ist. Als das Tal von Lawinen heimgesucht wird, nimmt das Unglück dann endgültig seinen Lauf.

Auch wenn der Roman Themen anspricht, die mich auf dem ersten Blick eigentlich gar nicht wirklich interessieren, hat Gerhard Jäger es geschafft, dass das Buch mich mitgerissen hat und ich unbedingt wissen musste, wie es weitergeht. Mir gefiel dabei insbesondere die eigene Dynamik des Dorfes, seine eigentümlichen Bewohner und wie Schreiber verzweifelt versucht, sich irgendwie einzugliedern und anerkannt zu werden, statt stets nur missfallende Blicke und Worte zu ernten. Gerade, als ihm das gelungen ist, passiert jedoch ein Unglück nach dem anderen und Schreiber muss sich der Kraft der Liebe, der Lawinen und des Zusammenhalts der Dorfbewohner geschlagen geben.

Für mich sticht „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ besonders wegen seiner dichten und wortgewaltigen Sprache hervor. Ich hatte zwar, gerade gegen Ende des Buches, das Gefühl, dass durch die fast schon poetische Sprache die Situation Schreibers völlig (über)dramatisiert wurde, gleichzeitig passte es aber irgendwie auch zu dem Gefühl der Ausweglosigkeit, welches der Protagonist fühlen musste. Auch wenn viele Dinge sich absehen ließen, war das Buch für mich bis zur letzten Seite spannungsgeladen und überraschend. Dennoch gab es auch einige Passagen, bei denen ich das Gefühl hatte, die Handlung tritt ein wenig auf der Stelle und kommt nicht wirklich voran. Dafür mochte ich die Kapitel, in denen es um die Dorfbewohner und ihre Vergangenheit ging mit am meisten, weil viele Verhaltensweisen sich so besser erklären ließen und man somit ein nahezu vollständiges Bild dieser isolierten Dorfgemeinschaft bekommen konnte.


Für kalte Wintertage ist „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“ genau das richtige, denn dieser ätmosphärische Roman bietet die perfekte Mischung aus historischen Elementen, Liebesgeschichte und auch Drama. Gerhard Jäger beschreibt die Winterwelt und die Bewohner des kleinen Dorfes mit unfassbar viel Bildgewalt und Präzision und schafft es auch auf den letzten Seiten noch, den Leser zu überraschen. 4/5

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2 Kommentare zu „[Rezension] Gerhard Jäger: „Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod“

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