Bücher · Rezension

[Rezension] Jasna Zajcek: „Kaltland. Unter Syrern und Deutschen“


kaltland

Jasna Zajcek / „Kaltland. Unter Syrern und Deutschen“
Verlagsgruppe Droemer Knaur, 01.03.2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 256 Seiten, 19,99€

Inhalt

Jasna Zajcek will wissen, welche Menschen aus Syrien nach Deutschland kommen, wie der Krieg sie geprägt hat, worauf sie hoffen, was sie antreibt. Sie unterrichtet als Deutsch-Lehrerin in Sachsen Flüchtlinge, recherchiert in Berlin und im Westen unter Pegida-Anhängern, „Gutmenschen“ und Sozialarbeitern. Rechtspopulismus, Not der Zuwanderung oder Integration sind die Fragen, denen Zajceks Reportage auf den Grund geht. Mit harter Radiernadel zeichnet sie das Bild eines kalten Landes.
Kaltland, denn das Geschäft mit den Flüchtlingen ist wichtiger als ein menschliches Willkommen. Kaltland, denn Angst und Ressentiments greifen auch unter liberalen Städtern um sich. Kaltland, denn viele Flüchtlinge sind schlecht ausgebildet, verbinden hohe Erwartungen mit geringer Lernbereitschaft, finden die Demokratie dubios und den CSD widerlich.
Kaltland ist das Deutschland der Gegenwart. Diese Sozial-Reportage ist ein Blick in den Spiegel und ein nüchterner Fingerzeig für die Politik, wenn sie „das“ wirklich schaffen will und Integration gelingen soll.

Meine Meinung

Politisch war es auf meinem Blog irgendwie noch nie, ich weiß nicht warum, aber ich hatte das Gefühl, dass man sich bei politischen Themen leicht angreifbar macht und einfach eine große Bühne für Unmut und Beleidigungen schafft. Dennoch hat es mir unter den Fingern gejuckt, „Kaltland“ zu lesen und zu rezensieren, auch wenn es sich mit dem Thema beschäftigt, welches unsere Nation seit einigen Monaten wohl am meisten spaltet. Jasna Zajcek berichtet über ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen aber auch Pegidisten und hat ein Buch geschrieben, das die derzeitige Stimmung in unserer Gesellschaft haargenau widerspiegelt aber – zumindest mir – doch irgendwie Hoffnung gemacht hat.

Dabei ist Jasna Zajcek eine mehr als interessante Autorin. Sie hat unter anderem Islamwissenschaften studiert, lebte auch mehrere Jahre in Damaskus und Beirut und ist daher mehr als vertraut mit Kultur und Gewohnheiten der Syrer. In nüchternem und sachlichen Ton führt die Autorin uns hinter die Türen eines Flüchtlingsheims mitten im sächsischen Nirgendwo. Dort gibt sie etwa 200 asylsuchenden Menschen Deutschunterricht und macht sie vertraut mit der deutschen Kultur und Lebensweise. Wenn zwei unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen ist es nie einfach, aber Jasna Zajcek gelingt es, ein neutrales Bild der Situation in Sachsen zu zeichnen: Sie beschreibt die Bedingungen in der Flüchtlingsunterkunft, die Ablehnung und unbegründete Angst der Dorfbewohner gegenüber den Flüchtlingen, sowie die Probleme und Hoffnungen, mit denen die Menschen aus dem Kriegsgebiet ins vermeintlich sichere und schöne Deutschland gekommen sind.

Besonders bemerkenswert und auch wohltuend fand ich dabei, dass die Autorin die Situation weder schwarz noch weiß malte, sondern ihre Gedanken und Gefühle tatsächlich einfach komplett wertfrei und ungeschönt wiedergegeben hat und objektiv davon erzählt, wie sie die Aufnahme der Geflüchteten in Deutschland empfindet und welche Erfahrungen sie in der Flüchtlingsunterkunft sammeln konnte. Diese waren nicht nur positiv, beispielsweise das Desinteresse an dem von ihr angebotenen Deutschkurs, der nur von vier Personen wirklich ernsthaft besucht wurde. Mit vielen Geflüchteten unterhält Jasna Zajcek, die fließend arabisch sprechen kann, persönlich und erfährt so mehr über die Hintergründe der Flucht und auch wie die Flüchtenden die Situation in Deutschland erleben. Während einige sich wirklich ein besseres Leben in Deutschland erhoffen und so schnell wie möglich ihre Familie nachholen wollen, gibt es auch eine handvoll, die die Flucht bereuen und denen Deutschland so fremd ist, dass sie am liebsten wieder in ihre Heimat zurück möchten.

Immer wieder werden die Unterschiede, die zwischen der Deutschen und Arabischen Lebensweise und Mentalität bestehen, deutlich. Angefangen bei der Ernährung – denn tatsächlich enthält so gut wie jedes Fertigprodukt, das es bei uns im Supermarkt zu kaufen gibt, Schwein – über die Stellung der Frau, bis zu bürokratischen Angelegenheiten, wie z.B. Ausbildung und Studium, welche in Deutschland nur selten anerkannt werden. Gerade beim Lesen solcher Passagen habe ich mich gefragt, wie die Menschen hier jemals ‚ankommen‘ sollen, wie sie sich hier wohlfühlen sollen und sich ein neues Leben aufbauen sollen. Dass es so schwer sein würde, haben sich auch viele der Geflüchteten nicht ausgemalt, die teilweise nur deswegen nach Deutschland geflohen sind, weil Schlepper ihnen Angebote gemacht haben und ihnen das Leben in Deutschland als das reinste Paradies ausgemalt haben.


Jasna Zajcek hat mit „Kaltland“ ein ehrliches und ernstes Buch geschrieben, dass ich wirklich jedem ans Herz legen kann. Sie erzählt nicht nur von den Schicksalen der einzelnen Geflüchteten, sondern bringt auch immer wieder ihr umfassendes Wissen über die Situation und auch die Kultur in Syrien ein. Gleichzeitig setzt sie sich mit den Ängsten der Deutschen Bevölkerung auseinander, ohne sie ins Lächerliche zu ziehen – auch wenn diese nicht wirklich nachvollziehbar sind. Sie zeigt auf, wie lang und steinig der Weg der Integration, der noch vor uns liegt, ist und appelliert an unseren Verstand und Respekt, denn anders wird das Miteinander nicht funktionieren.

5/5

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Ein Kommentar zu „[Rezension] Jasna Zajcek: „Kaltland. Unter Syrern und Deutschen“

  1. Ich finde es total gut, dass du deine Fühler so ausstreckst und auch mal etwas Ungewohntes liest und hier vorstellst. Mich selbst schrecken solche Bücher immer so schnell ab. Ich habe einfach immer Angst, sie wären mir zu langweilig oder ich würde sie nicht richtig verstehen, weil mir Hintergrundwissen fehlt, aber allein die Seitenanzahl bei diesem macht schon etwas mehr Mut ;D

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