Bücher · Rezension

[Rezension] Claire Fuller: „Eine englische Ehe“


eine englische ehe

Claire Fuller / „Eine englische Ehe“ (engl. „Swimming Lessons“)
Piper Verlag, 01.03.2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 368 Seiten, 22,00€

Inhalt

Eigentlich hatte sie andere Pläne. Ein selbstbestimmtes Leben, Reisen, vielleicht eine Karriere als Schriftstellerin. Doch als sich Ingrid in ihren Literaturprofessor Gil Coleman verliebt und von ihm schwanger wird, wirft sie für ihn all dies über Bord. Gil liebt seine junge Frau, und dennoch betrügt er sie, lässt sie viel zu oft mit den Kindern in dem kleinen Ort an der englischen Küste allein. In ihren schlaflosen Nächten beginnt sie, Gil heimlich Briefe zu schreiben. Statt ihm ihre innersten Gedanken anzuvertrauen, steckt sie ihre Briefe in die Bücher seiner Bibliothek und verschwindet schließlich auf rätselhafte Weise. Zwölf Jahre später glaubt Gil, seine Frau wieder gesehen zu haben – und ihre gemeinsame Tochter Flora, hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung, beginnt nach Antworten zu suchen, ohne zu ahnen, dass sie nur die Bücher ihres Vaters aufschlagen müsste, um sie zu erhalten …

Meine Meinung

Ich habe letztes Jahr schon „Our Endless Numbered Days“ von Claire Fuller gelesen und mochte es sehr gerne, fand es allerdings auch nicht gerade überwältigend. Dennoch wollte ich unbedingt auch ihren zweiten Roman, „Eine englische Ehe“, lesen. Nicht nur, dass es sich bei diesem Roman um Adult Fiction handelt lockte mich, auch der Klappentext klang einfach vollkommen nach meinem Geschmack – unglückliche Ehe, ungelöste Familiendramen, Briefe versteckt in Büchern…

Erzählt wird das ganze in zwei Handlungssträngen. Einer davon spielt in der Gegenwart – wir begleiten Flora, die jüngste Tochter des ungleichen Ehepaars, die der festen Überzeugung ist, dass ihre Mutter tatsächlich nur verschwunden ist, da eine Leiche nie gefunden werden konnte. Die Handlung beginnt auch in der Gegenwart, denn Gil, ihr Vater, hat gleich in der Eingangsszene einen Unfall, nachdem er meint, seine totgeglaubte Ehefrau vor seinem Fenster gesehen zu haben. Der zweite Handlungsstrang besteht durchgehend aus Briefen, die Ingrid, Ehefrau und Mutter, in der Vergangenheit an ihren Mann Gil schrieb und dann in Büchern versteckte. Die Briefe sind chronologisch geordnet und erzählen davon, wie die beiden sich kennenlernten und wie aus einer kleinen Sommerliebelei viel zu schnell mehr wurde. Dabei wurde ich unweigerlich ein wenig an „Everything I Never Told You“ erinnert – auch dort ging es um das Porträt einer Familie und darum, wie Vergangenheit und Gegenwart zusammenhängen und miteinander verbunden sind. Beide Bücher sind ruhig und beziehen sich stark auf die Charaktere und ihre Beziehungen. Gerade deswegen hat mir „Eine englische Ehe“ vermutlich auch so gut gefallen.

Das Buch hat einen fast schon mysteriösen Unterton – hat Gil tatsächlich Ingrid gesehen oder war es nur eine Illusion, eine Sehnsucht? Dazu kommt, dass er mitten in der Nacht einen Telefonanruf bekommt und sich auch da sicher war, dass seine Frau ihn angerufen hat. Spannend war auch, wie unharmonisch die Erzählperspektiven aus Gegenwart und Vergangenheit teilweise waren und wie zum Schluss trotzdem irgendwie alles einen Sinn ergab. Vor allem Flora hab ich als extrem interessante Protagonistin empfunden, weil sich ihre Erinnerungen ein bisschen so angefühlt haben, als wäre das Familienleben immer glatt gelaufen und als hätte es keine Probleme gegeben. Erst durch Ingrids Briefe aus der Vergangenheit wird vieles aufgeklärt und es wird klar, dass es für die Familie doch noch einiges aufzuarbeiten gibt.

Claire Fuller schreibt sehr einfühlsam und in einem Tonfall, von dem man einfach immer mehr lesen möchte. Ich mochte ihren Schreibstil schon in „Our Endless Numbered Days“, obwohl er mir dort teilweise zu langatmig war. „Eine englische Ehe“ ist definitiv weniger schleppend, durch die meist sehr kurzen Kapitel und die eingeschobenen Briefe ist es vom Tempo genau richtig und drängt den Leser dazu, immer weiterzulesen, um diese kühle, englische Ehe zu ergründen und herauszufinden, was genau schief gelaufen ist zwischen diesem ungleichen Ehepaar. Ich mochte außerdem den Bezug zu Büchern – Gil war schließlich Literaturdozent, liebte es, Anmerkungen in Bücher zu finden oder sie selbst hineinzuschreiben, sammelte – fast schon in einem Anflug von Wahnsinn – Bücher über Bücher. Und letztendlich versteckte sogar seine Frau ihre Briefe in jeweils passende Bücher, nahe und greifbar für ihren Mann und ihre Kinder.


Ich habe das Lesen (und auch das Angucken – das Cover ist einfach so schön!) von „Eine englische Ehe“ sehr genossen. Auch wenn die Protagonisten teilweise etwas unnahbar blieben, hatte die Geschichte dank der eigenwilligen Charaktere und Claire Fullers flüssigem Schreibstil eine großartige Dynamik und hat ein interessantes und melancholisches Porträt einer zerrissenen Familie zeichnen können. Der Roman war ruhig aber dicht und ging tiefer, als ich zuvor vermutet hätte – damit meine ich insbesondere den Einfluss, den die Vergangenheit auch noch Jahre später auf die Gegenwart haben kann und die Tatsache, dass die größten Geheimnisse nicht immer ans Licht kommen.

4.5/5

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3 Kommentare zu „[Rezension] Claire Fuller: „Eine englische Ehe“

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