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Wieso ich mir viel zu selten Zeit für Rereads nehme


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Ich erinnere mich gerne an meine Kindheit und Jugend zurück. Das Internet war damals noch kein so großes Thema, meine Freizeit habe ich mit lauter Dingen vollgestopft und trotzdem hatte ich immer noch genug Zeit, um auch mal ordentlich gelangweilt zu sein. Heute habe ich oft das Gefühl, dass Langeweile gar nicht mehr wirklich existiert, unsere Tage sind meistens durchgetaktet und in den engen Zeiträumen, die wir uns als Freizeit in den Kalender eintragen, machen wir Dinge, die uns Spaß machen oder uns Erholung bringen. Simples in die Luft starren, Däumchen drehen und absolut gar nichts tun ist irgendwie zum Fremdwort geworden, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal wirklich gelangweilt war. Dafür erinnere ich mich umso besser daran, was ich früher getan habe, wenn ich mal Langeweile hatte: Damals hatte ich nicht einmal annähernd so viele Bücher, wie ich heute habe – ich glaube, es waren in meiner Jugend vielleicht so an die 40 oder 50 Stück und dazugekommen sind im Jahr insgesamt vielleicht 10, weil einfach das Geld dafür nicht da war. Ich hatte zwar eine Bibliothekskarte, die ich bis auf’s letzte ausgereizt habe, aber dennoch gab es bei Langeweile meist nur eines, was ich getan habe: Ich habe in mein überschaubares Regal gegriffen und eines der Bücher herausgezogen, die ich schon so oft gelesen hatte, dass bereits Seiten rausflogen und der Einband geklebt werden musste.

Rereads waren früher das Größte für mich. Ich habe zumindest die ersten vier Harry Potter Bücher über 20 mal gelesen, den fünften bis siebten vielleicht 8 oder 9 mal. Die ersten zwei Bände der Twilight-Reihe habe ich mindestens genauso oft gelesen und von meinen Astrid Lindgren Büchern – insbesondere Kalle Blomquist – und auch denen von Jostein Gaarder will ich gar nicht erst anfangen. Es machte mir nichts aus, das ich die Geschichte schon in- und auswendig kannte, ich liebte sogar dieses Gefühl, zu wissen, was noch passieren wird und freute mich über jedes noch so winzig kleine Detail, das mir beim vorherigen Lesen entgangen war. Klar wünschte ich mir auch immer wieder neuen Lesestoff und konnte mich in der Bibliothek gar nicht genug damit eindecken, aber richtig wohl fühlte ich mich vor allem zwischen den Seiten der mir bereits bekannten Bücher.

Heute rereade ich so gut wie nie. Das hat verschiedene Gründe, die zumindest teilweise wohl auch offensichtlich auf der Hand liegen: Rereads kosten Zeit. Das ist fast so wie mit dicken Büchern , irgendetwas in meinem Inneren hindert mich daran, mir die Zeit, die ein Reread oder eben auch ein dickes Buch kosten würde tatsächlich zu nehmen, denn es befinden sich ja noch so viele andere, ungelesene Bücher in meinem Regal, denen ich mich in dieser Zeit widmen könnte. Gerade bei Reihen, die ich nicht direkt hintereinander lese, weil ich auf das Erscheinen der Fortsetzung warten muss, merke ich, dass ich super viel in der Zwischenzeit vergesse, mir aber trotzdem einfach nicht die Zeit nehmen möchte, um das Buch noch einmal zu lesen und mir die Details in Erinnerung zu rufen. Das ist schade und ich versuche auch schon seit einer ganzen Weile, in dieser Hinsicht an mir zu arbeiten. Gleichzeitig finde ich es aber auch nicht unbedingt schlecht oder schlimm, dass ich meine Zeit lieber mit mir unbekannten Büchern verbringen möchte – es ist nun einmal so, dass es zu viele interessante, spannende, einzigartige Geschichten gibt und ich habe es mir nun einmal zum Ziel gemacht, so viele davon wie nur möglich auch zu entdecken.

Damit geht jedoch irgendwie auch der zweite Punkt einher – Rereads machen mir ein schlechtes Gewissen. Das muss man natürlich relativ sehen, natürlich mache ich mir keine Vorwürfe oder ähnliches, aber in meinem Inneren entfacht dann schon – ob ich es will oder nicht – ein kleiner Gewissenskonflikt. Ich bin, was das Kaufen von Büchern angeht, einfach viel zu undiszipliniert, daraus mache ich kein Geheimnis und ich finde es auch nicht weiter schlimm. Wenn der Stapel an ungelesenen Büchern allerdings immer größer wird, so habe ich innerlich schon das Bedürfnis, diesen Stapel anzupacken und mich den Büchern zu widmen. Ich kaufe die Bücher ja auch nicht, um sie mir nur ins Regal zu stellen, ich habe bei allen das Verlangen, sie unbedingt und am besten noch heute zu lesen. Würde ich jetzt zu einem Buch greifen, das ich schon ein- oder meinetwegen auch mehrere Male gelesen habe, würde es mir garantiert Freude bereiten, aber ich hätte gleichzeitig auch ein mulmiges Gefühl, weil ich noch so viele andere unbekannte Welten zu erkunden habe und meine kostbare Lesezeit auf ein Buch verwende, das ich schon kenne. Vermutlich würde ich sogar damit beginnen mir auszurechnen, wie lange mich der Reread wohl noch kosten wird und wann ich „endlich“ wieder zu einem neuen Buch greifen kann. Für mich ist das nicht einmal der Druck, irgendeiner blöden Lesestatistik oder ähnlichem gerecht zu werden, ich lese ohnehin nur für mich und mein persönliches Vergnügen, aber ich will eben am liebsten alle ungelesenen Bücher auf einmal verschlingen, weil sie mich alle so neugierig machen. Keine Ahnung, ob das überhaupt Sinn ergibt, aber meine Gedanken funktionieren halt so.

Bei vielen Büchern ist auch einfach eine gewisse Angst da, sie zu rereaden. Das bezieht sich vor allem auf Bücher, bei denen ich weiß, dass sie eigentlich ziemlich problematisch sind, aber auch auf Bücher, die ich vor längerer Zeit gelesen und geliebt habe und bei denen ich befürchte, dass ein Reread dazu führen würde, dass ich das jeweilige Buch nicht mehr mag, weil ich oder meine Einstellungen sich in dem Zeitraum verändert haben. Das kennen wir doch irgendwo alle – zu Beginn der „Lesekarriere“ hat man gefühlt jedes Buch, das einem gefallen hat, mit 5 Sternen bewertet. Inzwischen hat man jedoch einiges an „Leseerfahrung“ gesammelt, sieht die Bücher mit einem wesentlich kritischerem Auge und würde sie vermutlich nicht mehr so wohlwollend bewerten. Ich möchte Bücher rereaden, aber ich möchte nicht meine positiven Erinnerungen an diese zerstören und die jeweiligen Bücher hinterher womöglich überhaupt nicht mehr mögen. Allerdings besteht auch immer die Möglichkeit, dass man ein Buch, das man früher vielleicht nicht unbedingt mochte, nach einem Reread plötzlich liebt oder zumindest mit anderen Augen sieht. Manchmal liest man ein Buch einfach zu einem falschen Zeitpunkt oder man versteht die Botschaft aufgrund fehlender Lebenserfahrung etc. nicht. Das Buch ein paar Jahre später nochmal zu lesen, könnte dazu führen, hinterher ein neues Lieblingsbuch ins Regal stellen zu können – auch wenn die Wahrscheinlichkeit vielleicht nicht besonders hoch scheint.

Seit ein paar Monaten denke ich mir aber, man könnte manchmal ja einen Kompromiss schließen. Schließlich muss man ein Buch ja nicht komplett noch einmal lesen – manchmal reicht es ja schon, es nur anzulesen oder einige Passagen, die man besonders mochte, noch einmal zu lesen. Klar, auch hier muss man Zeit investieren, aber seien wir doch mal ehrlich, in den meisten Fällen lohnt es sich auch. Wie auch schon bei meinem Beitrag zu den Reading-Challenges und zu dem über dicken Büchern lautet mein Fazit mal wieder: Nicht stressen, keinen Druck aufbauen und einfach lesen, statt die Zeit mit Kopfzerbrechen zu vergeuden. Das ist einfach gesagt, aber eigentlich auch einfach getan, denn Lesen ist ein Hobby, etwas das Spaß macht und bei dem es keine Regeln gibt. So lange man sich also selber keine aufstellt, besteht eigentlich kein Grund, die Nerven zu verlieren und sich über derartige Belanglosigkeiten Gedanken zu machen. Warum ich trotzdem einen ganzen, nicht gerade kurzen Blogpost dazu schreiben musste weiß ich zwar gerade auch nicht, aber vielleicht hat der ein oder andere ja noch Lust, seinen Senf abzugeben – ich freue mich sehr über eure Gedanken zu dem Thema und würde gerne wissen wollen, ob und wie oft ihr rereadet. Bis dahin: Frohes Lesen!

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7 Kommentare zu „Wieso ich mir viel zu selten Zeit für Rereads nehme

  1. Ich habe letztes und dieses Jahr einige Re-Reads in Form von Hörbüchern absolviert, das klappt super, vor allem, wenn wie im Fall der Harry Potter-Reihe jemand wie Stephen Fry oder bei Who Kills a Mockingbird Sissy Spacek liest :-) Bin gerade beim letzten Harry Potter-Band und überlege, auch die Drachenbeinthron-Reihe von Tad Willams und das „Rad der Zeit“ per Hörbuch zu re-readen. Du magst Sherlock Holmes, oder? Die kompletten Bände gibt es bei Audible für ein einziges Guthaben – gelesen von Stephen Fry, 70 h Laufzeit!

    1. Das ist auch mein Trick :D Ich höre immer Hörbücher beim Joggen. Da hat man ja schließlich Zeit und muss sich auch nicht allzusehr darauf konzentrieren, da man das Buch schon kennt :)

  2. Ich kann mich nicht daran erinnern während der letzten 10 Jahre ein Buch mehr als einmal gelesen zu haben. Und um ehrlich zu sein sehe ich auch wenig Sinn darin solange ich einen riesigen Stapel ungelesener Bücher hier habe. Es gibt soviele gute Bücher auf der Welt und ich will in meinem Leben möglichst viele davon lesen, wieso soll ich also Zeit darauf verschwenden eines mehrfach zu lesen? Bei Filmen sieht die Sache schon anders aus aber das sind zwei Paar Schuhe.

  3. Also ich lese manche Bücher gern immer mal wieder (und wenn es nur Lieblingsstellen sind), Vor allem wenn ich schlecht gelaunt oder deprimiert bin, hole ich ab und zu ein altes Lieblingsbuch wieder heraus. Das sind aber wenige Ausgewählte.
    Viele von den Büchern, die ich früher geliebt habe, habe ich schon lange nicht mehr herausgeholt. Da kann ich deine Gedankengänge total nachvollziehen. Es gibt so viele tolle Bücher, die nur darauf warten gelesen zu werden und es könnte ja auch sein, dass mir ein Buch dann überhaupt nicht mehr gefällt. Trotzdem kann es auch interessant sein Bücher noch mal aus einer anderen Perspektive zu lesen.

  4. Die Probleme, die du beschreibst kenne ich auch, aber manchmal brauche ich das einfach. Zum Beispiel bei „Tote Mädchen lügen nicht“. Nachdem die Serie mich so runter gerissen hat, musste ich das Buch auf jeden Fall noch einmal lesen. Oft höre ich meine Lieblingsbücher aber einfach nochmal als Hörbuch auf dem Weg zu Arbeit oder während der Hausarbeit. Dadurch sparrt man Zeit und nimmt sich nicht die Lesezeit für andere Bücher weg. :) LG Michi

  5. Du sprichst mir mit diesem Post echt aus der Seele, denn ich fühle mich oft genauso. Früher als Kind hatte ich so oft Langeweile, eigentlich ständig und dann habe ich eben alle Bücher doppelt und dreifach gelesen. Jetzt ist da ständig der Zeitdruck und das schlechte Gewissen gegenüber des SuBs. Die Idee, nur manche Passagen zu rereaden ist für den Anfang jedoch ein guter Kompromiss. :)

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