Bücher · Rezension

[Rezension] Patrick Flanery: „Ich bin Niemand“


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Patrick Flanery / „Ich bin Niemand“ (‚I am no one‘)
aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
Blessing Verlag, 06.03.2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 401 Seiten, 18,99€

Inhalt

Als der Geschichtsprofessor Jeremy O’Keefe nach zehn Jahren aus Oxford in seine Heimatstadt New York zurückkehrt, um dort an der New York University zu unterrichten, gerät er in einen Sog seltsamer Vorfälle: Eine Studentin kommt nicht zum verabredeten Treffen, später stellt er verdutzt fest, dass er selbst die Verabredung abgesagt haben soll; ein ihm unbekannter junger Mann behauptet, ihn zu kennen; eine Reihe Pakete erreichen ihn, mit den Ausdrucken seiner Telefonverbindungen und seines Mailverkehrs der letzten Monate; der mysteriöse junge Mann taucht immer wieder auf – O’Keefe fühlt sich verfolgt, kann die Geschehnisse nicht zuordnen. Ist jemand hinter ihm her? Spielt ihm jemand einen bösen Streich? Wird er überwacht? Oder wird er einfach verrückt? Nach und nach stellt sich heraus, dass der Ursprung dieses Rätsels in O’Keefes Zeit in Oxford begründet liegt.

Ein stilistisch herausragender, hochintelligenter Roman über Erinnerung, Verdrängung und das, was geschieht, wenn unsere Vergangenheit uns einholt.

Meine Meinung

Jeremy O’Keefe ist Geschichtsprofessor im College und kehrt, nachdem er ein Jahrzehnt in Oxford gelehrt hat, zurück in seine Heimat New York und versucht dort wieder Fuß zu fassen. Schon bevor er nach Oxford ging war er geschieden, hat allerdings eine sehr erfolgreiche Tochter, zu der er auch ein sehr gutes Verhältnis hat, trotzdem er ihre Jugend über nicht wirklich für sie da war, da er auf der anderen Seite des Atlantiks lebte. So richtig kommt Jeremy in New York allerdings nicht an, zu seinen alten Freunden hat er kaum noch Kontakt und es fällt ihm schwer, neue Bekanntschaften zu knüpfen. Nachdem er auf eine Verabredung wartete, bei der erst hinterher realisierte, dass er sie angeblich nur wenige Stunden zuvor abgesagt hat, beginnt Jeremy sein Gedächtnis zu hinterfragen. Dann erreichen ihn auch noch mysteriöse Pakete ohne Absender, in denen seitenweise Informationen über sämtliche seiner Online- und Telefonaktivitäten verzeichnet sind, die noch aus seiner Zeit in Oxford stammen. Spätestens jetzt wird im klar: Er wird beobachtet.

Immer wieder fragt Jeremy sich, warum er beobachtet wird und schlägt dabei auch immer wieder Brücken zu seiner Zeit in Oxford. Dadurch gibt es etliche gedankliche Zeitsprünge in die Vergangenheit, die mal mehr und mal weniger interessant sind und insgesamt viel zu ausschweifend und detailliert vom Protagonisten wiedergegeben und auseinandergepflückt werden. Generell werden viele Episoden aus Jeremys Leben nach meinem Geschmack viel zu ausführlich erzählt, zumal einige davon auch einfach nur unendlich langweilig und belanglos sind. Erst in der zweiten Hälfte des Buches wird es zumindest ein wenig spannender, was die Ausflüge in seine Oxford-Zeit angeht, aber auch hier wird einfach zu viel geschwafelt.

„Ich bin Niemand“ setzt sich mit vielen Themen auseinander, es geht nicht nur um die staatliche Beobachtung und Überwachung, der der Protagonist sich ausgesetzt sieht, sondern auch um Terrorismus, Karriere, Familie und in gewisser Weise auch Heimatlosigkeit, denn weder Oxford wird je zu Jeremys Zuhause, noch fühlt er sich wirklich heimisch und wohl, als er wieder in New York landet. Das Augenmerk des Romans liegt aber definitiv auf hochaktuellen Thematiken wie Datenschutz und staatlicher Observation, allerdings nähert sich der Roman diesen Themen in meinen Augen einfach zu eindimensional und langatmig – Jeremys Gedanken wiederholen sich ständig und er hat die längsten inneren Monologe, die man sich nur ausmalen kann. Nicht immer waren diese langweilig, aber dennoch vermochten es die wenigsten seiner Monologe, mich wirklich ans Buch und an die Geschichte zu fesseln – leider.

An jeder Stelle spürt man, wie sehr Jeremy mit dem, was ihm widerfährt, zu kämpfen hat, wie er es nicht versteht und trotzdem immerzu versucht, logische Schlüsse aus dem Ganzen zu ziehen. Trotzdem wir so viel an seinen Gedanken und Gefühlen teilhaben durften, blieb mir Jeremy sehr fern. Er hatte nichts wirklich falsches getan, aber ich konnte dennoch keinerlei Mitgefühl für ihn entwickeln und er war mir auch nicht sympathisch, wobei ich nicht wirklich sagen kann, woran genau das lag. Vielleicht war es der akademische und teilweise fast schon emotionslose Tonfall, in dem er sein Leben schilderte, vielleicht war mir aber auch seine Persönlichkeit generell zu farblos.


„Ich bin Niemand“ setzt sich mit einem hochinteressanten Thema auseinander, wird diesem aber in seiner Umsetzung keinesfalls gerecht. Das Buch bietet nur gelegentlich so etwas wie einen Spannungsbogen und verrennt sich in zu ausgeschmückten und langatmigen Erzählungen über Belanglosigkeiten. Sprachlich hat dieses Buch zwar eine Menge zu bieten, die Handlung entfaltet sich aber kaum und bietet keine überraschenden Höhepunkte oder Wendungen. Ich hatte mir definitiv mehr erhofft. 3/5

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Ein Kommentar zu „[Rezension] Patrick Flanery: „Ich bin Niemand“

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