Bücher · Rezension

[Rezension] Kanae Minato: „Geständnisse“


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Kanae Minato / „Geständnisse“ (japan. ‚Kokuhaku‘) – die deutsche Übersetzung von Sabine Lohmann folgt der englischsprachigen Fassung –
C. Bertelsmann, 27.03.2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 272 Seiten, 16,99€

Inhalt

Die kleine Tochter der alleinerziehenden Lehrerin Moriguchi ist im Schulschwimmbad ertrunken; ein tragischer Unfall, wie es scheint. Wenige Wochen später kündigt Moriguchi ihre Stelle an der Schule, doch zuvor will sie ihrer Klasse noch eine letzte Lektion mit auf den Weg geben. Denn sie weiß, dass ihre Schüler Schuld am Tod ihrer Tochter haben. Mit einer erschütternden Offenbarung setzt sie unter ihnen ein tödliches Drama um Schuld und Rache, um Gewalt und Wahnsinn in Gang, an dessen Ende keiner – weder Kind noch Erwachsener – ungeschoren davonkommt.

Mit immenser Sogwirkung und einem unbestechlichen Blick auf die menschlichen Abgründe erzählt die ehemalige Lehrerin Kanae Minato eine faszinierend-verstörende Geschichte voller unerwarteter Wendungen. Ein packender Roman, dessen Stimmen den Leser noch lange begleiten.

Meine Meinung

Ich liebe Bücher, die Geschichten erzählen, die ich so noch nie gehört oder gelesen habe, die mich an die Grenzen der Moral bringen und mich mit schwindelerregenden Wendungen immer wieder zum Staunen bringen. „Geständnisse“ ist ein solch brillant konstruiertes Buch, von der ersten bis zur letzten Seite und hat mich nicht nur mit all seinen Wendungen, sondern vor allem auch durch das Verständnis der Figuren von Schuld, Moral und Gewissen überrascht und erschüttert.

Die Erzählweise ist eine sehr spezielle, wechselt jedoch auch von Kapitel zu Kapitel, da stets aus einer unterschiedlichen Perspektive erzählt wird. Ich war zwar von der ersten Seite an gefesselt, brauchte aber dennoch einige Zeit, um mit den Figuren, von denen mir absolut keine sympathisch war, warm zu werden, sie und ihre Beweggründe zumindest ansatzweise zu verstehen. Begonnen wird dabei mit einer Lektion, die die Lehrerin Moriguchi ihrer Klasse am Abschluss des Schuljahres, nachdem ihre Tochter ertrunken im Schwimmbad aufgefunden wurde, erteilt. Am Anfang war mir noch gar nicht klar, worauf sie in ihrem Monolog hinauswill, aber schließlich wird die Schlinge ihrer Lektion immer enger, denn sie bezichtigt zwei Schüler der Klasse des Mordes an ihrer Tochter. Nicht namentlich, aber doch so, dass jeder der anwesenden Schüler sofort weiß, von wem die Rede ist. Nebenbei teilt sie den Schülern außerdem mit, wie sie sich gerächt hat – und damit nimmt alles weitere dann seinen Lauf.

Überhaupt geht es in diesem Buch hauptsächlich um eines, nämlich um Rache. In den weiteren Kapiteln dürfen wir in neue Sichtweisen eintauchen, etwa die einer Mitschülerin oder die der Schüler, die mutmaßlich die Tochter ihrer Lehrerin getötet haben sollen. Über die Handlung mag ich daher gar nichts sagen, denn jedes Wort wäre eines zu viel und würde die überraschenden Wendungen zunichte machen und den Spaß am weiteren Lesen verderben. Nur so viel sei gesagt: Keine der Figuren ist vertrauenswürdig oder flach. Die Geschichte ist trotz ihrer Kürze unheimlich komplex und hinterließ mich an einigen Stellen wirklich sprachlos. Lediglich der Mittelteil war mir ein Stückchen zu zäh. Einige Dinge wurden für meinen Geschmack zu oft wiederholt, was daran lag, dass die Erzählperspektiven sich teilweise zeitlich überlappten. Es störte mich nicht ungemein, fiel mir aber doch irgendwie negativ auf.

In gewisser Weise ist Kanae Minatos Geschichte kein Roman, sondern eher ein Thriller oder Krimi, wenn auch kein klassischer. Wir wissen von Anfang an ungefähr, was angeblich passiert ist und wer es getan haben soll, insofern sparen wir uns die lästige Aufklärung eines Mords, die Bücher aus diesem Genre sonst gerne an sich haben. Hier geht es vielmehr um das Danach, um das Stillen persönlicher Rachegelüste und welche Konsequenzen diese haben. Allein deshalb war das Buch komplett spannungsgeladen, aber auch, wegen der interessanten Charaktere und natürlich der vorzüglichen Plot Twists, die in regelmäßigen Abständen um die Ecke kamen und trotzdem nicht vorherzusehen waren.

Dennoch ist das Buch auch ein typisch Japanisches und es werden viele Unterschiede zur westlichen Kultur deutlich; Dinge, die bei uns einfach merkwürdig wären oder über die wir uns keine Gedanken machen würden (z.B. das die Eltern der Schüler grundlos schlecht von Moriguchi denken, nur weil sie alleinerziehende Mutter ist oder insgesamt die Tatsache, wie Schüler und Lehrer miteinander umgehen und welches Verhältnis sie zueinander haben). Wem das allerdings nichts ausmacht bzw. wer damit vertraut ist, der darf sich auf ein atemraubendes Leseerlebnis gefasst machen!


„Geständnisse“ ist ein düsteres, leicht verstörendes aber unvorhersehbares Buch, das menschliches Handeln und Moral in einen völlig neuen Kontext setzt und eine wirklich einzigartige Geschichte erzählt und es vermag, dem Leser bis zur letzten Seite etliche ‚Oh!’s zu entlocken. An einigen Stellen gab es mir zu viele Dopplungen, aber das ist auch alles, was ich zu kritisieren habe, denn dieses Buch war tatsächlich fast alles, was ich von einem guten Buch erwarte!

 

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3 Kommentare zu „[Rezension] Kanae Minato: „Geständnisse“

  1. Ich hatte dieses Buch schon öfter in der Hand und habe überlegt, ob ich es lesen soll oder nicht. Mich fasziniert auch die Geschichte, es klingt mal nach etwas ganz anderem. Ich denke, nach deiner Rezension wandert das Buch doch wieder auf meinen Wunschzettel!

    LG
    Sandra

  2. Spannend, dass du es hier besprichst. Ich habe es schon bei dir bei Instagram oder auch hier im Blog gesehen und war ganz gespannt, was du dazu zu sagen hast. Bisher kenne ich nur den Film, aber der hat mich irgendwie etwas ratlos zurückgelassen. Die vielen Wendungen und Abgründe der Personen fand ich etwas zu krass. Hätte man mir die Geschichte der Schülerin, oder der Lehrerin im einzelnen erzählt, wäre es mir glaubwürdiger vorgekommen als in diesem krassen Gerüst aus Rache und finsteren Plänen.

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